Freitag, 18. März 2016

Das Gerede von Überbevölkerung ist reaktionärer Mist

Angesichts der riesigen, ja gewaltigen unbewohnten, aber theoretisch bewohnbaren Flächen auf dem Globus und der menschlichen Wirtschaftskraft im allgemeinen, bereiten mir Leute die von globaler Überbevölkerung, bzw. einer zukünftigen Überbevölkerung sprechen mehr und mehr unbehagen. Es geht im Prinzip nicht um Überbevölkerung, sondern, wenn überhaupt kann ich das nur als Ansage verstehen, dass man keine Möglichkeiten sieht vorhandene Ressourcen so zu nutzen, dass sie allen dienen können. Flächen lieber leerstehen, Wirtschaftskraft lieber weiter konsumorientiert auf individuelle Kurzzeitbefriedigung anlegen. Nicht das die des Teufels wäre, aber Ihr wisst was ich meine. Und man sieht offensichtlich keinen Anlass die Perspektive auf Politik zu verändern, die da ist: Im wesentlichen hat Politik die Interessenvertretung der Banken und Industrie sicherzustellen, weil wir letztlich doch alle abhängige dieser Versorger sind. Und machen wir uns nichts vor. Auch die Kritiker des Systems haben keinen vernünftigen Plan wie es an wichtigen Stellen weitergehen könnte, ohne die gesellschaftlichen, organisatorischen, rituellen Artefakte einer lange vergangenen Zeit, die letztlich unsere Kultur und unser Denken bis heute prägen. Aber die Kritiker wissen schon, dass es weitergeht, ja weitergehen muss. Wie auch immer, ich verfaser mich. Es geht mir darum zu sagen wie primitiv, ja gemeingefährlich primitiv das Gerede von Überbevölkerung und seinen „Das Boot ist voll“-Derivaten ist. Das Boot ist weder voll, noch die Erde davor zu viele Menschen zu beherbergen. Aus der Google Earth Perspektive wird das schnell als reaktionärer Way-of-Live-Shice deutlich. Der Mensch ist letztlich einfach zu wenig darauf vorbereitet, dass bummelig 1% erfolgreiche Psycho-, bzw. Soziopathen unter Ihnen weilen, die erfolgreich wichtige Machtpositionen infiltrieren und da ihren Bullshit verzapfen (Bullshit auch weil sie nicht nur "böse", sondern wichtiger noch Intellektuell … sagen wir mal nicht die bestmögliche Besetzung sind. Machtpositionen ziehem spezielle Profile an). Nun haben wir gottseidank noch einen entwickelten Rechtsstaat, der genau gegen diese Risiken Grundrechte, Verfahrenregeln, Schutzrechte, usw. an den Start bringt. Der Rechtsstaat verdächtigt sich im Prinzip ja institutionell quasi ständig selbst und stellt z.B. in bestimmten Dingen bestimmte Transparenzen ein. Menschen haben viel gelernt in Ihrer Geschichte. Zu unserer Entmutigung muss man aber dazu auch sagen: sie haben noch viel viel mehr vergessen. Und in Bezug auf bestimmtes, wesentliches Wissen, um des Rechtsstaats, der Demokratie, pipapo steht es momentan scheinbar eher schlecht. In dem Sinne z.B., dass es im wesentlichen oft als mehr oder weniger überflüssige, bzw. hinderliche Folklore verstanden wird. Die Funktion, in Bezug auf die gesellschaftlich-strukturelle Funktion wird einfach ausgelassen, bzw. auf gut/schlecht Positionen verkürzt. Relativ einfaches aber dennoch voraussetzungsreiches Wissen über z.B. die Funktion von Freiheit in einem demokraischen Rechtsstaats scheint sich weit, bis ins unkenntliche abgedimmt zu haben. Nicht einmal das Gefühl, was man als Mensch tut, wenn ein anderer Mensch Hilfe braucht scheint allzu zuverlässig erwartbar zu sein. Menschenleben werden geopfert, um eine Ökonomie und deren Lebenswelten am Laufen zu halten. Bingo Leute, es sieht richtig scheiße aus. Die Welt ist doch kein Waldorfkindergarten, man.

Denkt vielleicht das nächste Mal wenn Ihr jemanden von Überbevölkerung sprechen hört daran, dass das sehr relativ und perspektivisch formuliert ist. Und zwar aus einer Perspektive, die sehr wenig Fantasie hat. Eine Perspektive, die nicht sehen kann, dass es psycho-soziale Probleme sind, die uns letztlich am meisten bedrohen. Ja, z.B. die realen Hungertoten jeden Tag, die werden im Prinzip ermordet. Von der Art und Weise, wie wir als MEnschen so drauf sind. Wer von Überbevölkerung spricht, das muss man so sagen, der impliziert im Prinzip auf die eine oder andere Weise: "Es gibt überschüssige Menschen, weil unser System eben so ist wie es ist. Nicht das System ist falsch, die Menschen sind über" Bin ich der einzige, dem das nicht nur komisch, sondern oberfaschistoid vorkommt? Ist es nicht zu tiefst deprimierend zu sehen wie dieser BEgriff aufgenommen wird, wenn man doch sehen kann, dass es nicht die Wirtschaftskraft ist an der es fehlt und es fehlt auch nicht an Landmassen, bzw. das kein Raum mehr da wäre, der nicht besiedelt werden könnte. Ja, nicht einmal geht es um zu wenig Süßwasser. Beim Süßwasser wird der ein oder andere jetzt vielleicht gezuckt haben, weil er insgeheim doch sich hat überzeugen lassen, das davon nun wirklich zu wenig für alle da ist. Aber auch das. Mit gegebener Technik, gegebener Wirtschaftskraft und gegebener Eingeübtheit der Menschen in organisationale Prozesse auch das ist insofern heute kein Problem. Wir können halt nicht so weiter machen wie bisher …. und sollten vielleicht hier und da mal die Augen aufmachen. Letztlich scheinen wir den harten Aufschlag des schon lange auf uns zukommenden gesellschaftlichen Problems wirklich zu brauchen, um als Gesellschaft eine gewisse Fantasie und Veränderungsbereitschaft zu entwickeln die vorhandenen Mittel einfach mal anders einzusetzen und dabei als GEsellschaft ein anderes Bewusstsein zu entwickeln. Also freut Euch drauf. Mit den Möglichkeiten heute kann es sehr sehr viel besser für alle werden. Letztlich weiß ich vieles natürlich nicht. Aber was ich weiss ist: Bestimmte Probleme - und dazu gehören die wichtigsten - gibt es nur in unseren Köpfen.

- update: 20.03.2016

Gerade habe ich eine Reaktion auf meinen Text auf Twitter gelesen:
"genau, lasst uns zugunsten der Menschen auch noch die letzten Biotope vernichten :(" https://twitter.com/katrinhilger/status/711437102735618048
.... ich will das einfach mal so stehen und wirken lassen. Nicht das mir nicht klar ist, dass es keine Lösung für das oben angedeutete Problem gibt. Aber, dass das Problem sozusagen ein kulturelles Problem ist und kein naturgesetzliches, das kann man wohl nicht leugnen. Natürlich ploppen bei der Problemstellung abertausende Gründe auf, warum es naiv ist zu sagen: Es gibt genügend Platz und Wirtschaftskraft, bzw. Technologie auf dem Planeten, dass kein Mensch leiden müsste. Aber alle Gründe betreffen uns als Spezies und werfen ein Schlaglicht darauf wie wir miteinander umgehen und was wir voneinander halten, pathetisch formuliert: welche Werte wir preferieren. Der Kommentar eben sagt z.B.: "Ok, es kann nicht sein, dass wir den Naturschutz riskieren für ...". Und so sind natürlich unzählige Kommentare möglich. "Es kann nicht sein, dass wir die Organisation unserer Wirtschaft oder Politik ändern, für ...", "Es geht einfach nicht, weil der Mensch an sich einfach zu schlecht ist", "Es geht nicht, weil der Planet oder die Atmosphäre ist zu klein...." Unendliche Formulierungen sind möglich, aber alle sagen nichts über den Planeten oder über die tatsächliche und defakto vorliegende Leistungsfähigkeit der Menschen, sondern unterstellen, dass die erbrachten gesellschaftlichen Leistungen (Brötchen, Rechner, Sozialversicherungen, Materialwissenschaften, Ingeneurtum, Kreativität, Lebensqualität...) letztlich nur möglich sind, in einem System das wirtschaftlich und politisch eben so ist wie es ist. Und das halte ich eben für reaktionär. Auch wenn es richtig wäre, dass es eben nur so geht, wie es eben heute geht; auch dann würde es nur eine Aussage über den Homo Sapiens sein, nicht über seinen Planeten. Als letztes Gedankenexperiment kann man sich noch einen Ausserirdische vorstellen, der bei uns vorbeifliegt und mal kurz checkt was hier Phase ist. Was würden der sehen? Der würde mehr oder weniger bröcklige Inseln von Wohlstand sehen, deren Luxus sich auf der krassen Ignoranz gegenüber anderen Menschen/Tieren in anderen Teilen des Planten baut. Auf der einen Seite eine durch Krieg und Moral gestützte und rücksichtslose Überschuss und Konsum-, bzw. Wegwerfgesellschaft und auf der anderen eben dadurch destabilisierte, wirtschaftlich und politisch geknebelte Gesellschaften und verhungernde und oder im elebend lebende Menschen.
Was wird der denken? Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er Mitleid empfinden wird. Mitleid mit einem Primaten, dessen individuelle kognitive und reflektive Leistungen, seinem sozialen Vermögen und vor allem seiner Selbsteinschätzung dramatisch und auf vollends abwegigem Terrain hinterherhinken. So dramatisch, das er sich und andere auf dem Planeten als künftige Spezies nachhaltig schädigt.

Samstag, 31. Oktober 2015

Macht, Selbstorganisation und selbsterfüllende Prophezeiungen

Der Mensch hat seine Geschichte schon immer gemacht, er hat sie bloss noch nicht bewusst gemacht. (vgl. Rudi Dutschke: https://youtu.be/U6X-ZeYC54E?t=9m52s )

Wenn man nun davon ausgeht und das tue ich auch. Dann kann man sich die Frage stellen, welchen Unterschied es macht, wenn z.B. davon ausgegangen wird, das dem nicht so ist. Angenommen es wird weitläufig davon ausgegangen, dass die Geschichte (also Entscheidungen über die Richtungen in die die Gesellschaft sich bewegt) nicht von der Gesellschaft selbst und mehr oder weniger insgesamt, sondern von wenigen, einzelnen Menschen bestimmt gehören, denen man nur genug Macht geben muss. Damit es eben "richtig" weitergeht. Diese Grundidee zieht sich von Platons Philosophenkönigen bis in die heutige Zeit durch und zwar in den verschiedensten Formen und Farben. Manche gehen davon aus, das Menschen es zwar könnten, aber von dezentralen Entscheidungsgrundagen lieber die Finger lassen sollten. Und andere sehen schlicht eine Notwendigkeit in zentralen Entscheidungen, weil es garnicht anders ginge, als durch den heldenhaften Leader und seinen Jüngern. Diese Idee ist nicht nur verbreitet unter denen, die Einfluss ausüben möchten, um zu gestalten. Sondern diese Idee ist insbesondere verbreitet unter denen, die sozusagen die Einflussnehmer tragen, indem sie zustimmend, bzw. tolerierend Entscheidungen abnehmen lassen; nämlich die Menschen insgesamt.

Ganz offensichtlich scheint: eine derartige Vorstellung in einer entsprechenden Verbreitung wirkt als selbstverwirklichende Prophezeiung. Es wird erwartet, dass der Mensch geführt werden muss. Deswegen werden entsprechende Mittel gewählt und dann wird er auch geführt werden. Wie solche Passivhaltungen auch komfortabel sein können sieht man wohl ganz gut in Deutschland. Man gibt sich grossflächig damit zufrieden, dass man Instanzen sieht, denen man Schuld zuschreiben kann; nachdem man sich eine hiesige Talkshow ansah. diese Passivhaltung, dass andere die Gesellschaft bewegen sollten, um sie besser zu machen ist eine Haltung, die sozusagen die kognitive Dissonanz zwischen Kommunikation, bzw. Erwartungen auf der einen Seite und dem konkreten eigenen Handeln auf der anderen Seite überbrückt. Durch Schuldzuweisung wird quasi die Frage nach der eigenen Verantwortung getilgt.
In diesem Sinne hat eben auch jede Gesellschaft die Regierung, die es verdient.

Das hat der Rudi alles verstanden und entsprechend spricht er von dem, die Politik tragenden, Bewusstsein, bzw. der Reflexionsfähigkeit in der Gesellschaft. Die Grundidee der Selbstorganisation ist noch heute, insbesondere in der Politik nicht wirklich angekommen.

Die Ideen dazu, die heute an den Rändern der Sozialwissenschaften in einer geradezu entzückenden Weise sich weiter entwickeln, die liegen brach. Ausser vielleicht um hier und da eine rhetorische Pointe abzurunden und dabei klug zu erscheinen oder um in einer falschen und verzerrenden Weise "Totschlagargumente" zu konfabulieren, die kurzfristig eine gewisse diskursive Duldungsstarre provozieren können.

Insgesamt scheint die Rationalität nicht verstanden, dass wir als Gesellschaft uns keine zentralen Entscheidungspunkte vom Typus vergangener Zeiten mehr leisten können. Nicht nur weil die schlicht nicht leistungsfähig genug sind, sondern weil sie als Lösung das Problem sind. Bei einem weltgesellschaftlichen Differenzierungsgrad, liegt der Verdacht (auf jeden Fall der Wunsch) nahe, dass zukünftige Soziologen sagen werden: Das (also heute) war so grob die Zeit, in der die Menschen sozusagen durch ihre vorweglaufenden Handlungen eine derartige Komplexität aufbauten, mit der sie sich selbst schließlich zu einem drigend nötig gewordenen Selbstbewusstheit forcierten, immer, in jedem Moment und sozusagen in jeder noch so kleinen Situation mitverantwortlich zu sein.

Ich freue mich über "Aufklärer" wie Rudi Dutschke, bin aber heute skeptisch, dass man Gesellschaft insgesamt über Aufklärungsversuche spezifisch beeinflussen kann; nichts desto trotz bin ich nicht weniger optimistisch geworden, weil man sehen kann, dass Menschen insgesamt sich sozusagen entlag selbsterzeugter Probleme entwickeln, bisher aber eben dabei noch so tun als sei dem nicht so. Aber ich bin sicher, dass Grundideen der Selbstorganisation letztlich selbstevident plausibel sind, sich auf Dauer durchsetzen gegenüber Ideen, die auf dem Prinzip Führer/Geführte aufbauen.

Wenn man nicht sooo an den Fortschritt durch Aufklärung glaubt, also daran glaubt, dass Gesellschaft sich sinnvoll im voraus bewegen kann, um ihre Krisen durch Prophylaxis zu umgehen. Sondern wenn man mehr davon ausgeht, dass Gesellschaft sozusagen die Probleme erst selbst erzeugen muss, an denen sie dann später die Chance bekommt zu lernen, dann erwartet man zumindest nicht ohne weiteres schmerzfreie Verbesserungen. Insbesondere, wenn z.B. die unterkomplexe Idee des Prinzips Führer/Geführte vor die Wand fährt, dann kann man jetzt schon gut die vermehrten "naiven" Reaktionen vorstellen (Die man ja jetzt auch schon sieht). Etwas funktoniert in der Gesellschaft nicht wie gewünscht, wo ist das Problem? Es gibt Instanzen, die einfach noch nicht genügend Macht haben. Das Problem wird nicht Strukturell gesehen, sondern an individuellen, persönlichen Defiziten, ggf Machtdefiziten festgemacht. Und die von Watzlawick so unterhaltsam beschriebene Lösung des Mehr-des-selben ist gerade für dieses Problem der Organisation in der Gesellschaft besonders vorhersehbar und leider auch alle Probleme, die sich dadurch ergeben und auch noch ergeben werden.

Samstag, 10. Oktober 2015

Die Freuden des Musik machens. Erklärt für nicht Musik Machende.

Musik machen jenseits von reich, schön und berühmt werden ist eigentlich sowas ähnliches wie die Freude beim Egoshooter im Multiplayermodus spielen (nur viel geiler). Im Prinzip spielt man entweder alleine, mit sich selbst als vergangenes Ich (Aufnahme) oder eben live mit anderen, in einer oder mehrerer Tonarten herum. Man baut sich quasi ein Level, indem man sich eine Tonart aussucht und in dieser mit ein paar Akkorden ein Terrain aufmacht. Dann schnappt man sich eine Knarre/Instrument und erkundet das Terrain, indem man ein paar Tonleitern auslegt und guckt wo welcher Ton hübsch klingt.

Das Wesentliche dabei ist weitestgehend unvoreingenommen und ergebnisoffen etwas zu spielen, um sich daraufhin zu fragen: Was will als nächstes dazu gespielt werden. Man nimmt sich sozusagen selbst ein paar Akkorde auf und beobachtet sich beim Abhören quasi als vergangenes anderes Ich und kann dann weiter dazu entwas spielen.
Sobald man schon eine einfache Melodie über ein paar Akkorde legt, entsteht sofort etwas das grösser ist als beides für sich erahnen liess. Das erkennt man gut daran dass es überrascht. Und solche Überraschungen gilt es während des Spielens zu provozieren, um dann direkt darauf zu reagieren. Nicht nur die aufgenommenen Akkorde betrachtet man dann als überraschend "fremdgespielt", sondern beim Suchen nach neuen Melodien kann man das nach jeden gespielten Ton machen. So kann man etwas spielen, dass man selbst nicht vorhersehen konnte. Es ist möglich sich selbst zu überraschen.

Letztlich geht man bei diesem iterativen Tun seiner Intuition hinterher.
Man spielt etwas und distanziert sich gleichzeitig davon so sehr, dass man sich der Idee hingibt: Das was da gerade klingt möchte einem etwas sagen und möchte auf eine bestimmte Weise fortgeführt werden. Wenn man Glück hat entstehen diese Momente, der Selbstillusionierung. Und ähnlich wie man Figuren in Wolken gucken kann, so kann man auch Melodien spontan in mehr oder weniger Zufallsmuster hineinerwarten. Früher habe ich mit meinem Sohn manchmal ein Malspiel gespielt: Wechselseitig malt einer einen geraden oder nicht geraden Strich und der andere muss daraufhin den Strich mit einem anderen Strich fortführen. Es entstehen dann überraschende Formen. Ähnliches ist auch in der Musik möglich.

Abschließend sei nochmal bestätigt, wie Ihr vielleicht in den letzten Absätzen bemerkt habt, dass Musik machen eigentlich garnichts mit Egoshooter spielen zu tun hat. Ich brauchte nur das Bild, um Euch in Richtung auf die Idee zu bringen in einem virtuellen Raum herumzu laufen. Denn das ist Musik auch: Virtueller Raum. Es ist ein Raum mit unendlich vielen Möglichkeiten und es fühlt sich äusserst schön an schon kleine Stück aus den unendlichen Weiten des Klangreichs herausbrechen und eine eigene kleine Melodie, ein eigenes kleines Thema raufmalen zu können. In diesem Sinne sei das hier als Aufruf verstanden sich mit einem Instrument zu befassen, wenn man das eigentlich immer schon machen wollte, nur davor zurückschreckte, weil andere das schon viel besser können oder man selbst schon zu alt sei; Das ist kein Argument. Zumindest nicht wenn es um Spaß haben geht. Die einfachsten Dinge klingen schön. Und heutzutage ist es so einfach und megabillig geworden mit der Kiste vor der ihr gerade sitzt Mehrspuraufnahmen zu machen. Glaubt mir: macht es einfach, lasst Euch darauf ein. Und habe ein bischn Spaß. Man muss ein Instument nicht beherrschen, man muss nur seinen Weg finden etwas da rauszuholen, das einem Spaß macht. So einfach ist das.

Donnerstag, 2. Juli 2015

Das Richtig und Falsch von Experten

Nun mag es sein, dass die Welt da draussen so ist wie sie ist. Aber wir müssen sie nun mal beobachten und darüber kommunizieren, um uns in ihr zu orientieren. Die Einschränkungen, die sich daraus ergeben sind in der Wissenschaftstheorie einigermaßen gut reflektiert und werden mal gut mal weniger gut im sich forttragenden Diskurs mitberücksichtigt (Siehe z.B. hier: “Wahrheit ist derjenige Irrtum, der den Weg zum nächstkleineren am besten ebnet.” http://www.mediathek.at/atom/14D00FD8-250-000F5-00000B48-14CEEFB7 )

Die Unterscheidung von Richtig und Falsch ist demnach eine, von uns aufgesetzte, kulturell gepflegte Weise uns (als soziale und psychische Systeme) zu konditionieren. Wer Richtig oder Falsch zu etwas sagt, der hat besser Gründe auf seiner Seite, diese Unterscheidung im Zweifl plausibel zu machen. Nun haben wir uns (bzw. unsere Kultur) scheinbar so an diese Unterscheidung von Richtig oder Falsch gewöhnt - weil sie letztlich so bequem ist und vermeintliches Faktenwissen auswendiglernbar, bzw. relativ voraussetzungsarm wiedererzählbar macht. Viele hätten es offensichtlich gern, Richtig/Falsch wäre nicht eine jeweils perspektivische Unterscheidung (Was ja für sich einfach extrem grossartig ist), sondern sie wäre eine weitergetragene quasi Gottesentscheidung  (btw. wohlgemerkt eine Entscheidung eines Gottes). Aber auch wenn es nicht um religiöse Verwurstung geht, die Art und Weise mit “Wahrheit” umzugehen hat bei vielen quasi-religiöse Züge. Kein Wunder, denn keiner kann letztlich allesverstehend beobachten und jeder braucht komplexitätreduzierende Kunstgriffe um selbst mehr oder weniger Komplexität aufbauen zu können (zu lernen). Oder wie es Humberto Maturana mal sinngemäß sagte: erst müssen wir vertrauen, sonst würden wir garnicht anfangen etwas lesen (dass wir danach wieder, bestenfalls mit einem Erkenntnisgewinn, über den Haufen werfen können). Nun kostet das Offenhalten für die Revidierung des Angeeigneten (das sich oft doch gefühlt so schön bewährt hat) einen relativ großen kognitiven Aufwand. Wenn dieser nun aber vermieden wird - z.B. durch das fehlen einer gesunden Skepsis - und ein Publikum mit so einer Neigung zur Vermeidung der Relativierung des Wissens einem Experten gegenübersteht, der sehr bestimmend die Unterscheidung von Richtig und Falsch verwendet und entsprechend eine Seite mit Honig beschmiert, dann ist es dem Publikum oft schwer zu wiederstehen. Aus verständlichen Gründen, denn:
“[Nicht alle können] alle Voraussetzungen zur Lösung [von Problemen] zu gleicher Zeit in Frage stellen kann, [so] gibt es bei jeder Problemerörterung [Grenzen], und was darüber hinausgeht, muss [in dem Moment] unbefragt angenommen werden. Jeder besonderen Untersuchung einer Frage sind explizit oder zumindest implizit bestimmte Annahmenunterstellt (wie zum Beispiel ceteris paribus). (vgl. Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Erkl%C3%A4rungsprinzip )
In diesem Sinne spricht Gregory BAteson von Erklärungsprinzipen als “konventionelle Übereinkünfte [...], die dazu dienen, an [...] bestimmten Punkt mit dem Erklären der Dinge aufzuhören“ (ebd.)

Und heute ist die Frage mehr denn je: Mit welchen Erklärungsprinzipien, lassen sich die Leute überzeugen, welche bekommen Beifall, welche werden mit Mißachtung, oder mit schlichtem Ignorieren beantwortet. Man kann auch fragen in wie weit man als Experte nun selbst einer Verwechlung von Erklärungsprinzip und Welt anheimgefallen sein muss, um überzeugt zu sein. Das aber liegt vielleicht weniger an den Experten, als am jeweiligen Publikum. Das reguliert ja sozusagen die Experten durch Achtungs- und Mißachtungverhältnisse.

Wie letztlich Experten und Publikum ihr Spiel mit Unterscheidungen treiben und diesbezüglich Achtungs- und Mißachtungsverhältnisse pflegen, dass scheint heute relativ gut beschreibbar.

Mein Eindruck ist, dass Wahrheit großflächig als relativ voraussetzungsarm Erkennbar verstanden wird. Man muss sich nur ansehen wie das klassische Fernsehen benutzt wird, dann liegt so ein Schluss zumindest nicht sonderlich weit weg. Häufig wird eine Vulgärvorstellung von Objektivität als “unabhängig vom Beobachter” ins Feld geführt und nicht auf eine Methode, sondern auf ein Ergebnis einer Methode bezogen verstanden. So kommuniziert erhalten Ergebnisse natürlich mehr rhetorische Autorität. 

Objektivität, als methodische Forderung den Beobachter wenn man so will wegzudenken, ist aber eine von vielen Möglichkeiten des wissenschftlichen Methodenpools Arbeitshypotesen aufzustellen und so einen bestimmten Auschnitt unserer Wirklichkeit mit nachvollziehbaren Methoden gemeinsam anzugehen. Auf eine Methode bezogen bedeutet das aber schlicht das sie von anderen nachvollziehbar ist, bzw., dass wir - im besten Fall - den nächstkleineren Irrtum über eine bestimmte Methode implizieren können. Objektiv ist nicht der Schluss, der aus den Daten gezogen wird. Objetiv, bzw. nachvollziehbar sind bestenfalls die Daten selbst.

Das darf man natürlich nicht verwechseln mit der in bestimmten Diskussionen implizierten rhetorischen Objektivität. Diese provoziert die Verwechlung von einem bestimmten Erklärungsprinzip mit der Welt und legt darüber eine wie auch immer faktengestützte Unterscheidung von Richtig und Falsch, während dabei eine Seite mit Honig beschiert wird. Das Publikum steht nun- selbst wenn es keinen Honig mag - erstmal vor nur zwei Möglichkeiten und kann sich nun selbst entscheiden, das ein oder andere als Richtung, bzw. Falsch zu bezeichnen.

Was in solchen Diskussionen weniger zum Ausdruck kommt ist die Tatsache, dass man es weder mit einer einwertigen, noch mit einer zweiwertigen, sondern mit einer Vielwertigen Welt, bzw. erstmal Gesellschaft zu tun hat. Und das jede Fokussierung auf zwei Werte (Richtig/Falsch) - egal welche Seite jeweils mit Honig beschiert wird - in der Beschreibung der Gesellschaft und ihrer Möglichkeiten eine grobe Zumutung ist und bleibt, wohlwissend, dass man sich gemeinsam letztlich für eine Seite entscheiden muss.

Experten, die so auf Bestimmtes fokussieren sind da in der Meinungsbildung natürlich sehr nützlich. Unterstellt, dass wir großflächig gemeinsamen Konsens in bestimmten Erklärungsprinzipien unterstellen müssen (um z.B. sowas wie einen demokratischen Rechtsstaat am Laufen zu halten), der letztlich sehr unwahrscheinlich ist und vor allem immer bleibt. So sind medial vermittelte Expertenmitteilungen ein nicht zu unterschätzendes Moment.

Man kann nun weiter nach der erzieherischen Funktion von Experten fragen und die Gesellschaft pfelgt Erwartungen, in welchem Rahmen sie erträgt, dass Experten mit Überraschungen (nicht vorhererwaretetem) kommen und in welchem Rahmen sie so die Konfrontation mit Mehrwertigkeit, Uneindeutigkeit, Ungemütlichkeit in den jeweiligen Erklärungen dazu, nicht nur erträgt, sondern diese würdevoll behandelt und so in die Zukunft trägt. Amen.

Fragen in diese Richtung scheinen natürlich heute wichtiger denn je, denn von der Alltags-Vulgärform der rhetorischen Objetivität, gehen deutliche totalitäre Implikationen aus. In der radikalen Fokussierung heisst es dann: Das ist Richtig, das ist falsch. Wir liegen richtig. Wer nicht für uns ist ist gegen uns.

Natürlich geht es nicht ohne bestimmte Dinge festzulegen, bzw. ohne einen gewissen abstrakten Konsens, aber die Frage ist letztlich welche Ideologie steht dahinter. Ist es eine, die würdevoll akzeptiert, dass es keine Entscheidung gibt, die allen gerecht wird, die aber auf die ein oder andere Weise akzeptiert wird und so das allgemeinwohl gesucht wird? ist es eine, die mit Abweichungen rigeros umgeht und diese mit allen Mitteln zu vermeiden versucht? Ist es eine die den Unterschied erstmal feiert oder ist es eine die Unterschiede erstmal als Anzeichen eines korrupten Systems begreift? Vieles dabei scheint mit Angst und Macht zu tun zu haben. Die kognitiv einfachere Variante zumindest scheint sich früher oder später als Abstraktion eines mehr oder weniger totalitären Systems zu manifestieren.

Wie auch immer Fragen in diese Richtung angegangen werden:
Unterstellt unsere Wahrheit ist der Irrtum, der den Weg zum nächstkleineren verstopft (und alle Wissehscftasgeschichte spricht dafür) und unterstellt, dass die Menschen nach #wasweissich 30-40000 Jahren, evtl und im besten Fall die meiste Zeit als Spezies noch vor sich haben, besteht eher wenig Anlaß uns erkenntismäßig zurückzulehnen; Das mal unterstellt, kann man getrost im Auge behalten Dinge eher nicht als in Stein gemeißelt zu behandeln.

Aber vor allem denke ich, ist es wichtig die Tatsache im Auge zu behalten, dass es auf quasi alle gesellschaftlichen Probleme eine Vielzahl von gleichberechtigten Möglichkeiten gibt, die nicht wirklich rational in die eine so und so zu bevorzugende Reihenfolge zu bringen sind, die dann einen ausreichenden Konsens über rationale Überzeugung gewährleistet.

Vielmehr scheint es mir, uns als Kultur könnte eine gehörige Portion Ambiguitätstoleranz ganz gut tun, wenn dies auch einen Preis in Form eines deutlich erhöhten kognitiven Aufwands bedeutet.

Fazit:
Meiner Tochter hatte ich mal versucht das Grundproblem folgendermaßen nahezubringen (Auf Nachfrage wohlgemerkt :) Ich habe ihr das Bild von Escher gezeigt, auf dem mehrere oben-unten-Verhältnisse in einen Raum gemalt sind. Man kann sehen wie jemand eine Treppe hinaufgeht und ein anderer, auf derselben Treppe in die gleiche Richtung diese hinuntergeht. (https://www.itp.uni-hannover.de/~dragon/stonehenge/escher.jpg)

Auf ein und derselben Treppe, in eine Richtung gehend, geht es für den Beobachter einmal rauf und einmal runter. Beides ist sozusagen im Bild enthalten. Entweder man sieht das eine oder das andere, je nachdem wie man guckt, bzw auf welchen Kontext man sich bezieht.

So ähnlich ist das mit vielen Problemstellungen und dazu passenden Fragestellungen, die das Zusammenleben und das Erleben und Handeln von vielen betrifft. Die Problemstellung ist wie die Escher-Treppe und zu welcher Entscheidung man bezüglich eines Problems kommt bestimmt ob man jemanden die Treppe raufgehen, oder jemanden die Treppe runtergehen sieht. Richtig oder Falsch ist da nichts. In solchen Momenten hängt dann alles am Beobachter und was dieser an kognitiven Zumutungen sich wünscht, bzw erträgt. Vor allem aber hängt alles daran was er als Gruppe mit anderen Beobachtern aus dieser Situation machen will. https://youtu.be/_9EEBhngahs

Update: Dazu Kusanowsky

Dienstag, 9. Juni 2015

Musizieren und Doppelte Kontingenz

Über Musik zu sprechen, bzw. zu schreiben ist wie Architektur zu tanzen. Nichts desto trotz werde ich es kurz versuchen, denn ein Aspekt - für mich der meist spaßmachende -, die Improvisation, flasht mich jedesmal wieder so sehr, dass ich mich dabei schon mehrfach genötigt sah ein paar Zeilen dazu zu schreiben warum Musizieren Kommunikation ist. Musik im Sinne gemeinsamer Improvisation weisst in der Tat ein entscheidendes Merkmal von Kommunikation auf. Nämlich das beidem zugrundeliegende Phänomen doppelter Kontingenz . Und ohne das detailiert und erschöpfend hier beschreiben zu können, werde ich einfach ein paar Sätze dazu schreiben, um - wie immer hier - für mich selbst ein paar Inhalte in eine Reihe zu bekommen.

Es gibt also diese Form des Musik machens, in der man mit einem oder mehr Partnern improvisiert. Man einigt sich - bzw. es ergibt sich schlicht „im Flow“ - ein Takt, die Geschwindigkeit und eine (oder mehrere) Tonarten. Das sind zunächst Rahmenbedingungen, die ein gewisses Gebiet abgrenzen. Es werden dabei keine konkreten Inhalte vorgegeben, sondern man einigt sich sozusagen auf ein paar Parameter als Medium (z.B. Takt, Geschwindigkeit, Tonart) , in welches dann Formen eingezeichnet werden können.

In diesem abgegrenzten Bereich, kann man dann mit etwas geschickt gemeinsam spielen, ohne das beide oder auch nur einer der Beteiligten wissen muss was der andere, oder auch nur was er selbst gerade spielt, bzw. gleich spielen wird. Man kann sich während des Spielens überraschen lassen ohne dabei „ins Leere“, bzw. ins zu arg dissonante und kakophone zu fallen. Man spielt einen Ton und hört gleichzeitig hin was der andere (die anderen) gerade als Kontext geben und lässt sich sozusagen in Echtzeit in eine Melodie treiben …. die ggf noch nie ein Mensch zuvor gesehen …. :)

So entstehen Melodien und Akkord pattern, die keiner so geplant hat, die aber im besten Fall so klingen, als ob sie vorher schon bekannt waren und absichtlich so gespielt wurden. Das ist eine der schönsten Erfahrungen beim Musik machen, wenn man so zusammen spielt und ergebnisoffen und sensibel für neue Ideen gemeinsam in eine Art „Flow“ gerät.

Platt gesagt ist es wie gemeinsam Spielkonsole spielen. Das Spiel, bzw. die Spiellandschaft sind in diesem Bild quasi die genannten Parameter Takt, Geschwindigkeit, Tonart. Und in dieser Landschaft läuft man gemeinsam rum und fängt an Punkte/Melodien zu sammeln. Wie in einer Art tonalem Steinbruch buddelt man und buddelt man, bis man auf etwas vielversprechendes Stößt, dass man dann vorsichtig freizulegen versucht. Etwas interessanter liegt aber der Vergleich zum Konzept der - jeder Kommunikation zugrundeliegenden - doppelten Kontingenz, weil man die Beschreibung des Phänomens doppelter Kontingenz in Kommunikationssituationen quasi direkt über die Erfahrungen beim improvisierenden Musizieren legen kann. Lasst einfach mal die folgende Beschreibung des Phänomnes doppelter Kontingenz für Kommunikation auf Euch wirken und versucht zu verstehen, warum Musizieren in diesem Sinne ebenso Kommunikation „ist“.

„[Doppelte Kontingenz wird wirksam] [. . .]sobald ein Sinn erlebendes psychisches System gegeben ist. Es begleitet unfokussiert alles Erleben, bis es auf eine andere Person oder ein soziales System trifft, dem freie Wahl zugeschrieben wird. Dann wird es als Problem der Verhaltensabstimmung aktuell. Den Aktualisierungsanlaß bieten konkrete, wirkliche psychische oder soziale Systeme oder Spuren (z. B. Schrift), die solche Systeme hinterlassen haben.“(Luhmann, N. (1987) Soziale Systeme, S. 151)

Wenn also zwei Bewusstseinssysteme in einer Situation gegenseitiger Beobachtung kontingent handeln, also jedes auch anders handeln kann und jedes dies von sich selbst und dem anderen weiß und in Rechnung stellt, dann verdoppelt sich die Kontingenz und es ist „[. . .] zunächst unwahrscheinlich, dass eigenes Handeln überhaupt Anknüpfungspunkte (und damit: Sinngebung) im Handeln anderer findet.“(a.a.O.: S. 165)

Man kann das als eine einfache Grundsituation sehen, in der diese beiden Systeme, die für einander jeweils eine Black Box sind, aus irgendwelchen Gründen etwas miteinender zu tun bekommen. Jedes einzelne Bewusstseinssystem bestimmt sein eigenes Verhalten immer durch komplexe, selbstreferentielle Operationen innerhalb seiner eigenen Grenzen, und das was von ihm außerhalb seiner Grenzen sichtbar wird, ist deswegen notwendig die Reduktion eines anderen Beobachters (vgl. vgl. a.a.O.: S. 156).

„Deshalb bleiben die Black Boxes bei aller Bemühung und bei allem Zeitaufwand [auf der Ebene der eigenen Systemoperationen] [. . .] füreinander undurchsichtig.“(a.a.O.)

Luhmann sagt dazu weiter: „Zugleich mit der Unwahrscheinlichkeit sozialer Ordnung erklärt dieses Konzept aber auch die Normalität sozialer Ordnung; denn unter dieser Bedingung doppelter Kontingenz wird jede Selbstfestlegung, wie immer zufällig entstanden und wie immer kalkuliert, Informations- und Anschlusswert für anderes Handeln gewinnen. Gerade weil ein System geschlossen-selbstreferentiell gebildet wird, also A durch B bestimmt wird und B durch A, wird jeder Zufall, jeder Anstoß, jeder Irrtum produktiv.“(a.a.O.: S. 165)

So kann man sich konkret vorstellen, dass sich zwei Unbekannte zunächst wechselseitig z. B. auf Situationsdefinition, sozialen Status oder Intentionen usw. hinweisen (vgl. a.a.O.: S. 184).

Damit beginnt dann „[. . .] eine Systemgeschichte, die das Kontingenzproblem mitnimmt und rekonstruiert. Mehr und mehr geht es daraufhin dann im System um eine Auseinandersetzung mit einer selbstgeschaffenen Realität: um Umgang mit Fakten und Erwartungen, an deren Erzeugung man selbst beteiligt war und die sowohl mehr, als auch weniger Verhaltensspielraum festlegen als der unbestimmte Anfang.“(a.a.O.:, S. 184)

Anders formuliert, die Mannigfaltigkeit von möglichen Mitteilungen wird durch Kommunikationssysteme in eine Sequenz von aufeinander wirkenden Kommunikationen gebracht, die sich an bestimmten Erwartungen und Themen orientieren und dadurch im Verlauf ihrer Geschichte sehr unwahrscheinliches Verhalten der beteiligten Bewusstseinssysteme wahrscheinlich und erwartbar machen können.

Ich kann mich glücklich schätzen einen Freund zu haben, mit dem ich hier und da in genau diesem Sinne musikalisch kommunizieren kann. Letztlich war diese letzte Session der Grund mal diesen flüchtigen Versuch hier zu wagen "Architektur zu tanzen" :) Aber Schluß mit der Theorie: hier kann man uns sozusagen live beim kommunizieren zuhören :) https://soundcloud.com/sessiondiaries/session

Freitag, 15. Mai 2015

Personales Vertrauen, Systemvertrauen und das Dilemma von Souveränität und Vertrauen

Wir brauchen Vertrauen gegenüber den Leuten, denen wir generell Mißtrauen müssen. Das scheint mir ein vordergründiges Problem zu sein, dass uns der gegenwärtige Skandal um Politik/Staat und Geheimdienste ins Gesicht wirft. Es wird ein entscheidendes Vertrauensproblem aufgeworfen. Wie allgemein bekannt überbrücken wir durch unser Vertrauen die Unsicherheitsmomente im Verhalten anderer Menschen.

Mit Niklas Luhmann („Vertrauen - Ein Mechanismus zur Reduktion von Komplexität“, 1968) können wir zwei Formen von Vertrauen unterscheiden. Personenvertrauen und Systemvertrauen. Auf dem Boden der alltäglichen Weltvertrautheit entsteht zunächst personales Vertrauen. Im Modus des personalen Vertrauen wird die Unvorhersehbarkeit des Verhaltens eines anderen zunächst erlebt wie eine Unvorhersehbarkeit gegenüber einem Gegenstand. Und weiter:
"[...] In dem Maße, als der Bedarf für Komplexität wächst und der andere Mensch als alter ego, als Mitverursacher dieser Komplexität und ihrer Reduktion, in den Blick kommt, muß das Vertrauen erweitert werden und jene ursprünglich-fraglose Weltvertrautheit zurückdrängen, ohne sie doch je ganz ersetzen zu können. Es wandelt sich dabei in ein Systemvertrauen neuer Art, das einen bewußt riskierten Verzicht auf mögliche weitere Information, sowie bewährte Indifferenzen und laufende Erfolgskontrolle impliziert. Systemvertrauen läßt sich nicht nur auf soziale Systeme, sondern auch auf andere Menschen als personale Systeme anwenden. Diesem Wandel entspricht, wenn man auf die inneren Voraussetzungen des Vertrauenserweises achtet, ein Übergehen von primär emotionalen zu primär darstellungsgebundenen Vertrauensgrundlagen.“ (Luhmann, N. (1968) Vertrauen, S.26)
Nun scheint mir der Skandal um Politik/Staat und Geheimdienste ein Anlass der den offensichtlich weitgeläufigen Modus des personalen Vertrauens in seinen Komplexitätsreduktionsfähigkeiten sprengt und aufmerksam macht auf benanntes Systemvertrauen, das als Konzept wiederum offensichtlich nicht so weitläufig durchdacht wurde wie benanntes Personenvertrauen, aber dennoch eine gewisse tragende Bedeutung bekommen hat. Alles scheint furchtbar kompliziert. Wir brauchen Vertrauen gegenüber den Leuten, denen wir generell Mißtrauen müssen. Das ist im Modus von alltäglichem Personenvertrauen ein schwer zu überbrückender Widerspruch, der bekannte und allseitsgelesene Beiss-, oder Ingnorier- Reflexe auslöst. Aus dieser Perspektive schein alles auf zwei extreme Positionen zuzulaufen: 1. Das ist schon alles Richtig oder 2. Revolution!

In einfacheren Sozialsystemen, auf die wir noch recht umfangreich eingestellt zu sein scheinen, wurde die „rechte Ordnung“ einfach als normativ gegeben und vertraut vorausgesetzt.
" [...] Unpersönliche Formen des Vertrauens waren nicht erforderlich. Wo eine Vermittlung und Deutung dieser Weltordnung nötig war, nahm sie den Weg über die Autorität von Göttern, Heiligen oder wissenden Interpreten, denen wie einer Person vertraut wurde." (ebd, S.60)
Entsprechend war und ist bis heute moralisches Getue und Gerede die häufigste Reaktion auf Vertrauenprobleme und leider bleibt es damit auf einer Ebene der Normen. Normen deren Richtigkeit - wie gesagt - unterstellt werden, werden dann auf Konformität und Abweichung hin beobachtet. Wobei Konformität personale Bestätigungserklärungen und Abweichung personale Anerkennungsverzichtsreflexe auf sich zieht. Das inspiriert dann nicht gerade zu Fagen nach Sinn und Unsinn des Systems im allgemeinen, welches ja mit der Annahme der Richtigkeit der Norm bereits bestätigt ist.

Personales Vertrauen verschiebt letztlich den Blick auf Personen/Experten. Auf Personen/Experten, denen unterstellt wird, dass sie Wissen als „überaschenden Gegenstand“ soweit gebändigt haben, dass sie widerspruchsfrei die Geschichte vom Wissen als System logisch geschlossener Zusammenhänge erzählen können (und so personales Vertrauen, z.B. als Politiker aufbauen können).
"System ist dieses Wissen [aber] nicht etwa im Sinne einer logisch geschlossenen Zusammenstellung von Sätzen, sondern im Sinne einer Ordnung kommunikativen Verhaltens, die eine gewisse Sorgfalt und Beachtung bestimmter Regeln bei der Auswahl und Verwendung von Prämissen einer Mitteilung sicherstellt. Jeder verläßt sich beim Bezug solchen Wissens darauf, daß im System genug Kontrollen der Zuverlässigkeit eingebaut sind und daß diese Kontrollen unabhängig von den persönlichen Motivationsstrukturen der jeweils Beteiligten funktionieren, so daß er diejenigen, die das Wissen erarbeitet haben, nicht persönlich zu kennen braucht!" (ebd, S69)
Dementsprechend ist es heute nicht mehr plausibel, bzw. zunächst erstmal einfach nicht mehr durchhaltbar Wissen als logisch geschlossene Satzketten vorauszusetzen und dazugehörigen Autoritäten, bzw. Experten, letztlich als Verkünder des Richtigen, als Verkünder der Norm personal zu vertrauen. Vor allem nicht im Politischen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich in Ihrer Differenziertheit trägt über vorhandenes Systemvertrauen. Und seltsamerweise über eine art praktisches Systemvertrauen, das im individuellen Einzelfall als personales Vertrauen wahrgenommen werden kann und als "Quasi-System,vertrauen" wirkt. Das lässt die These offen, dass Systemvertrauen entstehen, bzw kommunikativ in Anspruch genommen werden kann, bevor es als solches individuell registriert wird. Funktionale „Vorstufen“ des Systemvertrauens wie Religion, Normen und das angedeutete traditionelle Wissensverständnis, können scheinbar den Weg bereiten in eine Differenziertheit der Gesellschaft, die dann wiederum die einzelnen schließlich in die Lage bringt, dass auch die „Vorstufen“ zu eng werden, um gesellschaftliche Differnziertheit weiter durchzuhalten. Das ist hier eine parallel geführte These.

In so einer Situation könnten wir uns gesellschaftlich befinden. In einer Situation in der die Differenziertheit der Gesellschaft, um deren fortbestehen, darauf angewiesen ist, dass ein allgemeines Verständnis von Systemvertrauen weitreichender durchreflektiert wird. Die Grenzen des Personenvertrauens und seinen „Vorstufen zum Systemvertrauen“ könnten entgültig erreicht sein.
"Mit einem leidenschaftlich bis routinierten Werben um "Vertrauen in die politische Führung" ist es [dann] nicht [mehr] getan, obgleich es nicht unwesentlich ist, wenn die Personifizierung einer Durchlaufstation des Entscheidungsprozesses an der Spitze des politischen Systems es ermöglicht, ein quasi persönliches Vertrauen in den Dienst der Politik zu stellen." (ebd S.70f)
Wenn wir in diesem Sinne tatsächlich in der Politik an den Grenzen des „quasi-persönlichem“ Vertrauen angekommen sind, was könnte eine angemessene Reaktion der Politik daraufhin sein? Eine Antwort darauf scheint zumindest naheliegend, wenngleich auch durch ein stures Durchhaltenwollen der „alten Ordnung“ in Normen und sonstigen „quasi-personalen“ Institutionen mittelschwer verbaut.

Naheliegend wäre es erstmal die Ergebnisse der Soziologie in den letzten 50 Jahren mal politisch zur Kenntnis zu nehmen und ein tieferliegendes Verständnis von sozialen Strukturen anzustreben. In diesem Fall könnte man z.B. auf die Idee kommen, den Blick auf Bürokratie, bzw Verfahren der Politik und der Verwaltung zu lenken und von einzelnen Personen im System weiter Abstand zu nehmen. Und ich meine hier natürlich nicht den allseits bekannten Blick auf Bürokratie als Hindernis, das es im Prinzip moralisch zu kritisieren gilt, sondern den Blick auf Bürokratie als rechtsstaatliche Verfahren, die auch das Vermögen haben den einleitenden Widerspruch: „Wir brauchen Vertrauen gegenüber den Leuten, denen wir generell Mißtrauen müssen.“ auf eine produktive und tragfähige Art und Weise zu überbrücken. In diesem Zusammenhang möchte ich hier Dirk Baecker reinmischen:
"Und bei der Bürokratie ist das der klassische Max Webersche Grund: Eine Bürokratie ist in so hohem Maße in der Lage, sich sozialen Bindungswirkungen zu entziehen, dass allein das sie erfolgreich macht. Kein Mechanismus – deshalb hat Max Weber von Rationalität gesprochen – kein Mechanismus ist in der Lage, sich den „Klebrigkeiten“ des sozialen Geschäftes geschickter zu entziehen, als der bürokratische. Für Luhmann steckt in dem Begriff „Taktunfähigkeit“ jedoch die Beschreibung genau des alltäglich sichtbaren problematischen Verhaltens von Bürokratien, die immer wieder dafür sorgt, das sozusagen Minute für Minute – man braucht nur einen Beamten vor sich zu haben – man sieht, wie recht die Kritik hat. Das wissen zwar die Kritiker nicht, das sie sozusagen auf alltägliche Auslöser eines problematischen Verhaltens reagieren – das wissen sie in der Regel nicht, etwas vorsichtiger gesagt – aber der Soziologe weiß es über die Kritiker. Und der Soziologe kann unter Soziologen wissen, warum sie recht haben. Taktunfähigkeit!" (Baecker, D. (1999) Niklas Luhmann und die Manager, S.3, http://userpages.uni-koblenz.de/~dkwitsch/Luhmann%20Freiburg/Freiburger%20Reden%20-%20Dirk%20Baecker.pdf )
Neben der Taktunfähigkeit bietet die Bürokratie aber natürlich auch andere nützliche Funktionen, z.B. bestimmte Pfade transparent machen zu können, bzw. anders herum: mehr oder minder strenge Ausnahmefälle definieren zu definieren, um bestimmte Pfade dem Blick des Souveräns vorläufig zu entziehen. In einem demokratischen Rechtsstaat würde man ersteres wohl als Standardeinstellung wissen wollen. Wohlwissend, dass es ausgefuchste Bereiche gibt, die sich zu recht nicht so einfach adhoc dem Blick des Souverän entblößen, sondern eine Zeit lang in Geheimhaltung oder nicht-öffentlichkeit „abkühlen“, bevor der Souverän ein solches Ausnahmephänomen wieder vorgelegt bekommt und entsprechend Veränderungen vornehmen kann. So sollte es sein.

Aufklärung könnte systematisch auf Lob und Kritik der Bürokratie in ihrer gesellschaftlichen Funktion hinweisen, statt bei Lob und Kritik von Personen hängen zu bleiben. Zumindest was den einleitenden Widerspruch betrifft „Wir brauchen Vertrauen gegenüber den Leuten, denen wir generell Mißtrauen müssen.“ scheinen rechtsstaatliche Verfahren und ihre möglichen „Kombinatoriken“ eine Lösung anzubieten. Allerdings natürlich zu einem Preis. Dass nämlich das Dilemma "nur" reformuliert, und nicht aufgehoben werden kann. Gemeint ist das Dilemma von Souveränität und Vertrauen im Staate. Dazu abschließend hier und heute nochmal Niklas Luhmann mit einer ausgiebigen Passage:
"Die Ungeklärtheit der vertrauensbildenden Mechanismen liegt zunächst darin begründet, daß im politischen Bereich sowohl das Moment des Einsatzes, der Vorleistung des Vertrauenden, als auch die Hinsichten, in denen er vertraut, sich ins Unbestimmte verflüchtigen. Der Metapher vom "Staatsvertrag", durch den freie Naturmenschen sich selbst oder dem eingesetzen Souverän Vertrauen gewähren, entspricht keine Wirklichkeit. Gewiß: der Staatsbürger wählt. Aber die politische Wahl ist keine Beauftragung mit Interessenvertretung. Der deklarierte Leitgedanke dieser Institution lautet, daß die gewählten Volksvertreter nach Kriterien des Gemeinwohls zu entscheiden haben. Aber sie beanspruchen souveräne Entscheidungsgewalt, und einem Souverän kann man nicht vertrauen. Letzte Entscheidungsgewalt produziert ihre Normen selbst. Ein Vertrauen kann sich hier allenfalls darauf beziehen, daß Grenzen der Souveränität beachtet werden. Dieses Dilemma von Souveränität und Vertrauen ist jedoch nur eine überzogene begriffliche Fixierung des Problems der politischen Komplexitätsreduktion, das in der Wirklichkeit nicht mit dieser Gedankenschärfe, sondern in vielen kleinen Schritten der Informationsverarbeitung gelöst wird. Schritte, die zunächst Interessen artikulieren, Konsensmöglichkeiten abfühlen, Personen in Positionen schieben, generalisierte Programmvorschläge testen, die dann eine vorläufige Erstarrung des Verbindlichen durch Gesetzes-, Budget- oder Richtlinienentscheidungen herbeiführen, welche dann durch Prozesse der "Auslegung" und "Anwendung " zu unzähligen Fallentscheidungen kleingearbeitet werden. Jeder Schritt erklimmt eine neue Stufe der Selektivität, die neue Informationen aufnimmt und Alternativen ausscheidet. Souverän ist daran eben dieses Moment der Reduktion, der Verengung des Entscheidungshorizontes, des Ausscheidens anderer Möglichkeiten; vertrauenswürdig macht diesen Prozeß, daß er in vielen kleinen Schritten erfolgt und auf allen Stufen informierbar bleibt, so daß die Souveränität, obwohl der Prozeß, um die Einheit der Entscheidung zu garantieren, durch Zentralstellen geleitet wird, nicht mit einem Schlage, also willkürlich, ausgeübt werden kann. Auch das soziale System lernt, wie es scheint. Vertrauen am besten in kleinen Schritten, die im einzelnen nicht viel riskieren. Angesichts dieser Ordnung der Informationsverarbeitung kann das Vertrauen des Bürgers nicht mehr die einfache Form des Vertrauens in die Recht- und Zweckmäßigkeit der Amtsausübung durch den Amtsträger annehmen. Vielmehr differenziert sich die Vertrauenslage. Politisches Vertrauen wird auf zwei verschiedenen Ebenen der Generalisierung abverlangt und erteilt-", Der Bürger hegt einerseits bestimmte Entscheidungserwartungen, mögen sie ihn selbst oder die ihm richtig erscheinende Art von Politik betreffen; und er kann die politische Wahl als Ausdruck der Enttäuschung oder der Zufriedenheit "im großen und ganzen" benutzen. Zum anderen vertraut er dem politischen System als solchem dadurch, daß er im Lande bleibt und damit rechnet, eine menschen würdige Existenz führen zu können. Die einzelnen Entscheidungserwartungen enthalten zwar ziemlich eindeutige Kriterien des Vertrauens, engagieren den Bürger aber nicht zentral und jeden auf verschiedene Weise. Der Enttäuschungsausdruck kann nicht generalisiert werden, kann leicht gemacht werden und fast ohne Folgen bleiben. Das Systemvertrauen ist dagegen hochgradig unbestimmt, involviert aber andererseits ein Engagement und Folgen, die bis an Leben und Tod gehen können. Die Verzahnung beider Ebenen des Vertrauens bewirkt die Stabilität der Gesamtordnung und verkompliziert die Vertrauensfrage im Vergleich zu alten Vorstellungen vom persönlichen Vertrauen in den Amtsträger." (Luhmann, N. (1968) Vertrauen, S.71f)

Sonntag, 26. April 2015

Die Entzückung am Teilen - Ein rationales Gefühl

Christoph Kappes ist auch deswegen ein so interessanter Beobachter, weil er sich so interessant als Beobachter beschreibt und sich so zur Beobachtung durch andere freigibt. Die Pointe seines Blogposts "Druckstückfremdeln" finde ich, so trivial oder auch seltsam sie für den ein oder anderen erscheinen mag, interessant. Vor allen ein Kriterium, mit dem er sein "fremdeln" dort zu ergründen sucht, das scheint mir ein sehr bemerkenswertes Kriterium. Es geht um die Aussage: "Warum soll ich lesen, was ich nicht teilen kann?". Und ich neige dazu festzustellen, dass sich sehr häufig die Frage in einer noch weiter generalisierten Formulierung stellt: "Warum soll ich mich in etwas engagieren, was ich nicht teilen kann?"

Das erste mal ist mir eine gewisse tiefliegende Logik des Teilens aufgefallen, als ich so 13-14 war. Damals hatten wir als etwas größere Clique alle Amigas - das war weit vor den Zeiten des Internets - und es gab eine gewisse Streetcredibility, wenn man sich per PLK oder sonstwas jeweils die "Sicherheitskopien" der neuseten Spiele und Programme besorgen konnte. Und so war es - wenn man so will - gut für die Eitelkeit, wenn man der erste war der ein Spiel oder Programm hatte und so in seinen Kreisen dann darüber disponieren konnte. So stand zunächst in gewisserweise die Eitelkeit der Weitergabe im Weg. Wenn alle es hätten, wäre ja die Streetcredibility quasi von der Inflation gefressen.
Mit der Zeit wird aber auch klar, dass die Freude über wirklich gute neue Spiele nur in dem Rahmen ausgelebt werden kann, in dem man darüber mit anderen sprechen kann, die ebenso Freude oder Leid an dem Spiel erlebt hatten. Man steht dann vor der Frage: Wie weit möchte ich meine Eitelkeit damit bezahlen mein Erleben nicht mit anderen Teilen zu können und so auf die Möglichkeit verzichten darüber tiefenscharf kommunizieren zu können? Was bringt mir eine gefütterte Eitelkeit? Was bringt mir differenzierte Kommunikation?

Angesichts der Omnipräsens von Kommunikation, ja angesicht der theoretischen Gleichsetzbarkeit von Kommunikation und Gesellschaft, wird auch deutlich wie sehr die eben formulierte Problemstellung Bedeutung hat für die Entwicklung von Mensch und Gesellschaft. Auch wenn man das "rational" leicht erkennen kann, so war ich auch überrascht, dass die dauerhafte Nutzung des Netz neue Erwartungen in Bezug auf Kommunikation schnell - sozusagen "emotional", also ungefragt und unerklärt - zu Anspüchen verdichtet, die da erstmal zu fordern scheinen: Teilbares ist dem nichtteilbaren erstmal vorzuziehen.

Schon lange höre ich regelmäßig über YouTube Musik. Und kann an mir selbst beobachten, dass zwar schon der schnelle Zugriff auf alles mögliche natürlich sehr attraktiv ist, aber selbst bei Liedern die ich als mp3 habe, die höre ich "gefühlt" lieber hinter einer Internetadresse, weil ich diese Teilen kann. Die blosse Möglichkeit zu teilen (selbst wenn ich es letztlich nicht tue) scheint quasi unterbewusst bevorzugt werden. So erlebe ich das auch. Deshalb hat Christophs Post, bei mir diese Gedanken wieder angesprochen haben und in gewisser Weise diese Zeilen hier mitproduziert.

Gut, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, weil sein psychisches System sich sozusagen in Koevolution mit Kommunikationssystemen differenziert (wobei natürlch der Organisamus als Bedingung der Möglichkeit bleibt) , das ist nichts wirklich neues. Und so kann man natürlich auch nicht verwundert sein, dass wir tief in uns sozusagen den "ethischen Imperativ" : „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!“ (Heinz von Foerster) fühlen und in Bezug auf Kommunikationsmöglichkeiten darauf aus sind diese "Zusatzentzückung" durch Kommunikation zu provozieren.

"Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien". Als Niklas Luhmann diesen Satz schrieb war das Netz noch kein Thema. Aber er war natürlich genauso wahr wie heute. Heute ist das Nahfeld in dem wir unsere individuellen Kommunikationen prozessieren, natürlich nicht mehr in dem Maße wie damals räumlich begrenzt, sondern nur noch über die Möglichkeite einen anderen in eine Kommunikation zu verwickeln. Und so können wir das was uns quasi "aus dem Blauen" in unsere Aufmerksamkeit fällt, viel differenzierter mit in Kommunikationen thematisieren. Der lokale Raum in dem die "Weltinformation" sozusagen interaktionell kommunikativ verabreitet wird hat heute viel mehr Möglichkeiten, weil geographisch-räumliche Vorausetzungen dafür quasi weggefallen sind.

Man muss sich schon mit dem Hammer gebürstet haben, um nicht zu sehen warum uns das Netz sozusagen als Mensch so flasht. Sowohl Glücks- oder Horrorflashs sind nachvollziehbar, schon bei den uns heute vorliegenden Möglichkeiten, die ja wie gesagt ansetzen an den Bedingungen unser psychischen Differenziertheit selbst: der Gesellschaft, der Kommunikation. Mit Kommunikationstechnologie scheint der Menschen sich als Mensch, zu fordern genau das anzuerkennen. Das scheint der implizierte Imperativ.

Wie mein Vater mal sagte, als er mir als jugendlichen das Zeitglesen nahebringen wollte und ich ihn dazu stumpf fragte: Warum eigentlich?: "Um Dich mit anderen darüber unterhalten zu können", war die Antwort. Unwahrscheinlich, dass mein Vater damals einen tiefgreifend Philosophischen Gedanken absondern wollte. Aber letztlich tat er genau das. Letztlich ist der Grund (die Basis) unserer Erwartungen in gewaltigem Umfange unsere Kommunikation, nicht die Welt an sich. Selbst über das Ablesen von Messgeräten, über mathematische Beweise, Ideen usw. müssen wir kommunizieren, um von ihnen zu erfahren oder anderen darüber zu erzählen und relevant, bzw gesellschaftlich Wirsam zu machen.

So drücke ich, wie Christoph, meine Verwunderung darüber aus, dass ich eine gewisse emotionale Bevorzugung dessen erlebe was teilbar ist. Und das daraus Ansprüche erwachsen, die sich nicht nur "rational", sondern auch emotional bemerkbar machen.