Samstag, 9. Februar 2019

Behauptungsspiele

Als an Sprache interessierter Beobachter kann man vieles beobachten. Natürlich kann man nicht alles beobachten und schon garnicht gleichzeitig. Das gilt für die Beobachtung von Sprache und auch für die, die dabei beobachtet werden wie sie Sprache verwenden.

Deshalb ist es, ob einer bemühten Nachvollziehbarkeit, quasi ein Imperativ die Selektionen, die man anspricht möglichst prägnant anzudeuten. Eine anschließende Argumentation setzt sinnvollerweise an solchen Hinweisen an. Zumindest wenn man nicht argumentiert, um den anderen als Person zu “überwältigen”, sondern z.B. aus einem verzweifeltem Interesse an etwas Drittem heraus (z.B. einem Thema). In solch einer Situation stellt man sich und seine Argumente zur Disposition. Man korrigiert seine Argumente zwar nicht widerstandslos, meistens zumindest nicht. Weil man natürlich gute Gründe hat, im Einzelfall vielleicht auch schon viel abgewogen hat und es kognitiv auch ein erheblicher Aufwand ist Argumentationen zu wechseln (je nachdem wo “im Kartenhaus” Teile ausgetauscht werden sollen. Es sind immer viele Bereiche betroffen).

Wenn das Interesse an den eigenen Thesen, mit denen man so durch die Welt läuft, im Vordergrund steht, dann gibt es keine Verlierer. Der, der Gründe findet seine Position zu korrigieren, der hat in dieser Perspektive etwas gewonnen. Der andere hat zwar nichts verloren, aber eben auch nicht gewonnen (immer in Hinblick auf das Verbessern der eigenen Beobachtungsmöglichkeiten). Das gilt wie gesagt zumindest, wenn man Argumentation nicht als Ringkampf gegen andere begreift, der als Sequenz mit Annahme oder Ablehnung als Sequenz endet, sondern als eine Art dauernden kollaborativen, computativen Prozess, des Aneinanderhaltens von Argumenten über viele Personen hinweg.

Nun gibt es aus der Sicht eines beobachtenden kognitiven Systems, wie wir es nunmal sind, nur sehr wenige Dinge, denen man sich einigermaßen sicher sein kann. Z.B.:
  • Wir werden alle sterben.
  • Nach uns kommen andere, die auch sterben werden.
  • Als Einzellebewesen haben wir also bestenfalls diese ca 80 Jahre.
  • “Erkenntnis ist anders als die Umwelt, wei die Umwelt keine Unterscheidungen enthält, sondern einfach ist.” (Luhmann)
Ich möchte hier mal nur am letzten dieser Punkte ansetzen, der Wahrheit nicht mehr als Übereinstimmung des Gedachten oder Sprachlichen mit dem Universum betrachtet. Es geht nicht mehr um Übereinstimmung. Erkenntnis ist anders als das Erkannte. Nicht beliebig anderes, aber eben qualitativ anders. Unser Erleben ist nicht nur selektiv perspektivisch, sondern auch genuin konstruktiv. Bspw. gibt es da draussen keine Farben, trotzdem ist es sehr nützlich, dass wir in nichtbeliebiger Weise Farben unterscheiden können. In diesem Sinne wird Wahrheit, aber nun nicht mehr als etwas fassbares verstanden. Farben sind im klassischen Sinne der Übereinstimmung nicht wahr. Natürlich ist Wahrheitssuche deswegen nicht obsolet. Offensichtlich können Religion und Wissenschaft, als Wahrheit erarbeitende Systeme - quasi als Gralshüter gewisser sich als nützlich erwiesener Methoden - hilfreich sein und sind selbst divers und ständig im Wandel. Beide Systeme haben aber nicht zufällig auch ihre Traditionen in Demut. Vgl. Z.B. Bildnisverbot und Falsifikationsprinzip.

Grob zusammengefasst kann man sagen: als beobachtende Systeme können wir uns gewahr werden, dass unser Erleben unsere Qualia von unserer inneren Organisation abhängt und nicht durch den irritierenden Agens ins System gebracht wird. Ja, dass Gott, bzw. Die Welt prinzipiell unerreichbar sind. Das ist als Grundsituation aber nicht das Ende von Religion oder Wissenschaft, sondern wenn dann eher ihr Anfang.

Es gibt offensichtlich verschiedene nichtbeliebige Zusammenhänge zwischen unserem Erleben und irritierenden Agens. Z.B. erleben wir Schall (-Frequenzen) nicht als: “Oh, da bewegt sich Luft hin und her.”, sondern als: “Ooohhhh, ein Klang” und nichtbeliebige Frequenzveränderungen und Interferenzen erzeugen bei uns das Erleben von akustischer Konsonanz oder Dissonanz. Und: Natürlich, auch wenn es ausserhalb unserer Köpfe keinen Klang gibt, sondern sich dort Luft hin und her bewegt, so ist es sehr nützlich Klänge und Geräusche in Korrespondenz zu Luftdruckveränderungen an den entsprechenden sensorischen Oberflächen zu konstruieren. Wenn wir miteinander sprechen, dann erleben wir auf der Grundlage, dass wir die Luft zwischen uns unterschiedlich hin und her bewegen sogar mehr als Klänge und Geräusche. Wir assoziieren Bedeutungen. Im Prinzip trommeln wir uns auf Distanz gegenseitig auf unseren Trommelfellen. Und wenn wir eine gemeinsame oder ähnliche Geschichte der Trommelei mit anderen haben, dann können wir mehr oder weniger gut so tun als ob wir wüssten, was der andere meint. Auch bis zu dem Umfange, in dem durch Trommelei kein Widerspruch diesbezüglich gefunden werden kann und somit auch kein Verdacht aufkommt.

Wie auch immer, mein Punkt hier ist ja, oder sollte vielmehr werden: Wir können uns zumindest einer Sache sehr sicher sein, dass wir uns nicht sicher sein können. Und sicher scheint auch: Unsicherheiten zu beobachten, abzuwegen und zu berücksichtigen kann wiederum gewisse andere Sicherheiten wahrscheinlicher machen, um den Preis, dass anderes unsicherer wird.

Als wo wir auch stehen und sehen: Es erscheint sinnvoll sich auf Unsicherheiten einzulassen und auch mal bis zum Beweis des Gegenteils so zu tun, als ob Kontrolle keine gut gemachte Illusion sei. Denn viele Prozesse sind selbst sensibel und wenn wir auch in einem turbulenten Verhältnis zu ihnen stehen, unser tun macht einen Unterschied, der einen Unterschied …

Wenn man kurz überlegt: besteht auch garkeine andere Möglichkeit, als aus Fehlern, bzw. aus daraus resultierenden Problemen zu lernen. Problemfreiheit kann so auch selbst zum Problem werden, weil man in dem Moment blind ist für Fehler wird, die noch keine Probleme erzeugen.

Wenn wir “die Wahrheit in der Tasche” hätten, wir würden es nicht merken können pointierte Karl Popper einmal (vgl. Falsifikationsprinzip). Man kann hinzufügen: In diesem Sinne, sind wir auch blind gegenüber Fehlern in Prozessen, die noch keine Probleme vorstellbar machen.

Trotzdem bleibt quasi nur mit Kontrollillusionen zu experimentieren und dabei irgendwie Wege zu finden sich gegenseitig und systematisch weiter zu bringen.

Vor diesem ganzen Hintergrund, den ich hier natürlich nichtmal im Ansatz seriös beschreiben kann, kann man die lediglich rhetorische Figur der festellenden “Behauptung” natürlich nur noch amüsiert oder genervt zur Kenntnis nehmen.

Gerade auf Twitter sieht man auch unter denen, die sich als intellektuell oder akademisch oder beides darstellen, oftmals einen ausgeprägten Habitus der Form feststellende Behauptungen als Ansagen durchzureichen. Dies und das “ist” so. Diese und Jene “sind”. Oft werden einem solche Ansagen ohne jeden Hinweis, ohne jede Andeutung auf die Selektivität, auf die Perspektivität, oder auf die zugrundeliegenden Wenn-Dann Vorstellungen präsentiert. Auf dem Marktplatz, beim Wetterbericht und in manch anderen Situationen kann ein solcher Stil auch nützlich sein. Aber im zwischenmenschlichen und wenn es wirklich darum geht gemeinsam verstehen zu wollen; den Prozess der Kommunikation nicht als Ringkamp, sondern als kollaborativen, computativen Prozess für sich erschließen zu wollen, dann ist ein Behauptungsstil kontraproduktiv. Argumentationen und Behauptungen kann man in gewisser Weise als prinzipiell unkompatibel betrachten.

Jemand könnte sagen: “ok, in der Wissenschaft und übrigens auch in diesem Text hier gibt es doch Hypothesen und Hypothesen sind auch Behauptungen. Das kann man zwar zunächst so sagen, doch muss man dann auf einen entscheidenen Unterschied zwischen Behauptung und Hypothese hinweisen (zumindest wenn man meine Story hier testweise mitgehen möchte): Hypothesen werden bewusst als Kontrollillusion behandelt. Eine Hypothese erscheint so quasi als Gegenteil von einer Aussage die Anspruch auf Zustimmung erhebt aka als eine Behauptung. Insofern bezeichnet sie nicht, den Behauptungsstil, den ich hier anvisiere.

Feststellende Behauptungen, wie man sie alltäglich wahrnehmen kann, sind imho im Prinzip relativ archaische Formen der Autorität und Macht, bei denen es gerade nicht um Wahrheit, sondern um Normierung geht. Macht ist nicht daran interessiert, das was sie umsetzen möchte zur Disposition zu stellen oder nochmal gemeinsam darüber nachzudenken. Natürlich nicht.

Als Rhetorik insinuieren Behauptungen einen direkten Anspruch auf Zustimmung und signalisieren Autorität (im besten Fall, zumindest immer den Anspruch auf Autorität), die sich gerade nicht rechtfertigen möchte, sondern Ansagen macht.

Ich bin mir natürlich bewusst, dass ich mit dem folgenden Vorschlag sozusagen definitorisch die Anzahl der Trolle stark vergrössere, aber was soll’s. So ist es eben. Ich bin geneigt diesen Stil (Behauptungsspiele) als geradezu trolldefinierend zu bezeichnen. Denn wie oben im Text geht es dann nicht um Argumentation, sondern um eine Art Ringkampf. Dann sind Hinweise auf die Verletzlichkeit der eigenen Position das Zeigen von Schwäche. Wissen wird als quasi normativ festehend behandelt und der Disposition entzogen. Der andere kann entweder ja sagen oder er ist auf der falschen Seite.

Aus dem Geflecht menschlicher Angelegenheiten (frei n. H.Arendt) heraus beobachtet stehen uns ultraviele Zuschreibungsmöglichkeiten zur Verfügung. Und als kognitives System haben wir verschiedene Spiele die wir spielen können. Machtspiele im hier angedeuteten Stile scheinen mir da aus der Geschichte heraus heute noch eine viel zu große Rolle im Alltag zu tragen. Ich möchte nicht sagen, dass die ganze Gesellschaft sich jetzt am Ideal einer verzweifelt nach Erkenntis strebeneden Beobachtung orietieren soll oder auch nur könnte. Natürlich gibt es auch heute noch Bereiche, in denen einfacherere “Behauptungsrhetoriken” ihren Platz haben. Z.B. eben wenn es um Rechtssprechung und Normen geht. Aber es gibt andere auch wichtige Spiele, die wir mit Sprache spielen können, und an denen wir auf ganz andere Weise profitieren können.

Es wäre vielleicht schon etwas gewonnen, wenn Menschen sich - sagen wir mal: gegenseitig weniger so behandeln, wie sie es gewohnt sind selbst von Machtstrukturen behandelt zu werden. Die Möglichkeiten dazu sind da.

Samstag, 26. Januar 2019

Wirre Wahrnehmung

Gern stellen wir uns vor, dass das was wir anfassen können, uns ein Erleben von Masse vermittelt. Wir erleben etwas als schwer, bzw. leicht. Wenn wir z.B.eine Milchtüte hochheben sind wir sogar relativ gut darin den Füllstand abzuschätzen, ohne ihn zu sehen. Es gibt auch gute Gründe dieser Wahrnehmung zu trauen. Sie ist nützlich und geeignet. Etwas auf dem Markt. Andererseits haben wir (fast) alle mal in der Schule gelernt, dass 99% der Masse eines Atoms sich im Kern befindet, dessen Ausmaße nur 1/25000 des Durchmesser des ganzen Atoms sind. Unserem naivem Weltbild widerspricht es erstmal, weil wir ohne nachzudenken unterstellen, dass Masse fest und gleichverteilt vorliegt; und wir deswegen z.B. auch dagegenstossen und nicht durchsehen können. Nun sagen uns die Physiker: >99% des Volumens haben mit Masse nichts zu tun. Wodurch sind wir eigentlich irritierbar? Was sehen wir, was hören wir, was tasten wir? Was ist sozusagen Reizgrundlage? (btw. Hier gibts ein gutes Erklärbar zum Tasten: https://youtu.be/yE8rkG9Dw4s).
Anmerkung für Leser: Wenn ich so drüber nachdenke, welchen Zusammenhang ich den Gedanken gebe, die ich hier zusammenzuschreiben versuche, dann möchte mit dieser Schreibmeditation ganz frivol auf eine Innen/Aussen-Differenz zielen und meine aktuellen Gedanken mit der Axt zu sortieren - wie üblich hier.

Die Antwort auf die Frage “Wodurch sind wir irritierbar, worauf springen unsere sensorischen Oberflächen an?” ganz einfach zu beantworten: Durch elektromagnetische Wellen oder Luftdruckveränderungen. Gewisse Wellenlängen elektromagnetischer Art nehmen wir als Wärme wahr, andere können wir sehen, wieder andere können wir benutzen, um unser Radio darauf einzustellen (um so wiederum Luft in schwingung zu versetzen), oder uns zu röntgen, usw. https://de.wikipedia.org/wiki/Elektromagnetisches_Spektrum#/media/File:Electromagnetic_spectrum_-de_c.svg). 

In unserem Erleben stellen sich verschiedene Wellenlängen als unterschiedliche Qualitäten dar. “Da draussen” ist es erstmal nur ein quantitativer Unterschied. An diesem Punkt sei noch darauf hingewiesen, dass andere Lebewesen durch andere Wellenlängen irritierbar sind. Oder sie arbeiten mit ähnliche Wellenlängen kognitiv ganz anders damit. So z.B. verarbeiten Eulen die Luftdruckveränderungen an ihren entsprechenden sensorischen Oberflächen (aka Ohren) auch in ihrem visuellen Cortex. Was den Schluss nahelegt davon auszugehen, dass Eulen das Rascheln einer Maus unter 20cm tiefem Schnee, in locker 20m Entfernung, nicht nur hören, sondern auch sehen.
Im Alltag beruhigen wir uns mit Bezeichnungen. Wie z.B. “Optische Täuschung”. Und täuschen uns damit vor, dass unter “normalen” Bedingungen, die Dinge so erscheinen, wie sie sind. Und da stehen wir dann. Beruhigt und voller Selbstbewusstsein. Manchmal denken wir vielleicht daran, dass die Tasse in unserer Hand ein seltsames Volumen-Masse-Verhältnis inne hat. Dass die Oberflächen, die wir sehen, nicht deshalb undurchsichtig und ggf undurchdringlich erscheinen, weil eine gleichverteilte opake Masse dies verhinderte. Was den Aussenkontakt angeht hat unser Körper eben nur seine verschiedene sensorische Oberflächen, die entweder durch Luftdruckveränderungen oder elektromagnetische Wellen irritiert werden können. Und “irritiert werden können” heißt hier: die Nervenzellen der sensorischen Oberflächen verändern die Frequenz ihrer Aktivität. Oder wie Heinz von Foerster mal pointierter sagte: Es entsteht ein anderes Muster von Klick-Klick-Klick; womit er auf das Prinzip der undifferenzierten Kodierung hinwies. Was uns deutlich zeigt, dass an den sensorischen Oberflächen keine qualitativen “Argumente” übergeben werden. Und die Qualitäten unserer Wahrnehmung sich aus der Organisation des kognitiven Systems allein und nicht durch Eigenschaften des irritierenden Agens begründet.

Umso faszinierender ist in dem Sinne zu verstehen, was unser neuronales Netz so macht. Z.B. mit Schall (Luftbewegungen); Nur in Aussnahmefällen kommt es bei Menschen vor, dass Schall in gewisser Weise visuelles Erleben triggert (Synästhesie). Was es aber routinemäßig macht ist z.B. eine Analyse der Obertonreihe von Klängen. Aus einer spezifischen Verteilung von Obertönen in einer Stimme errechnen wir z.B. wem wir diese Stimme zuordnen. Ohne die Obertöne würde jede Stimme gleich klingen. Auch wenn der Erlebende keine Vorstellung von davon hat was eine natürliche Obertonreihe ist, sein sensorische Oberfläche reagiert darauf und sein neuronales System schwurbel aus den sich verändernden Klickmustern einen Qualitativen Eindruck mit Orientierungswert. Offensichtlich können wir so relativ gut auf Unterschiede reagieren und dabei selber welche Erzeugen. Nur mit die Idee, dass irgendetwas in unserem Erleben so erscheint, wie es da draussen ist, die kann verworfen werden, bzw. ist semantische Krücke.
Du fragst Dich jetzt vielleicht: “Wo? Wo, ist der Bus mit den Leuten, die das wissen wollen?

Montag, 17. Juli 2017

Babys, Autos und CO2

Dass Zeitungsartikel, Fernsehsendungen ünd ähnliches regelmäßig zu multiplen Facepalms veranlassen ist nichts besonderes. Nur dieser Artikel hier:
http://www.stern.de/panorama/wissen/umweltstudie---20-bmw-schaedigen-das-klima-weniger-als-ein-baby-7539938.html
verstört mich in so vielen Hinsichten mehr als der Durchschnittsartikel, dass ich mich entschieden habe in diesem kleinen Text hier, meine erste Verstörung etwas zu sortieren, sonst bekomme ich meine Hand nachher garnicht mehr aus dem Gesicht.

Die Überschrift lautet "20 BMW schädigen das Klima weniger als ein Baby" und der Artikel massiert diese Message einfach nur weiter ein. Vgl. bspw.

"Ich habe keine Kinder, aber ich beschäftige mich mit der Entscheidung und spreche mit meinem Verlobten darüber. Der Klimawandel wird sicher ein Faktor unserer Entscheidung sein, aber nicht der einzige...."

... ist doch klar: dann lieber einen BMW, der ist besser für das Klima! Wenn man drüber nachdenkt: Vielleicht wäre es wirklich besser für die Menschheit, würden Menschen, die so denken lieber einen BMW kaufen statt sich fortzupflanzen. Der Shice bringt mich echt in jeder Hinsicht an die Grenzen ertragbarer Pointen.

Nachdem ich dann feststellte, dass es kein Artikel des Postillon ist dachte ich zunächst: Man darf garnicht auf so einen Artikel reagieren, weil man dann irgendwie irgendetwas in diesem Artikel doch noch sinnvoll aussehen lassen könnte.
Sagt man beispielsweise: "Ja, aber man kann doch nicht Babys mit Autos vergleichen", "Babys sind doch viel wichtiger", so könnte man auf die Idee kommen Babys und Autos auf einer entsprechenden Wichtigkeitsskala zu positionieren. Und wenn man dann Babys wichtiger als Autos plaziert, dann ist man den Vergleich immernoch mitgegangen und erhält die Unterscheidungen. Unterscheidungen, die gleichzeitig implizieren, dass z.B. das Problem von Ölautos auf den CO2 Ausstoß reduziert werden kann.

> Autos stossen CO2 aus.
> Menschen stoßen CO2 aus.
> CO2 = Das Problem für das Klima.
= Menschen sind wie Autos ein Problem für das Klima.

Autos stossen übrigens für Menschen noch deutlich üblere Stoffe aus als CO2.
2015 sind ca. 7000 Menschen in Deutschland (tendenz steigend) nicht am CO2-Austoß der Autos, sondern durch deren Feinstaub- und Ozon-Austoß gestorben, das wird sozusagen als Problem der Ölautos wegimpliziert. (https://www.welt.de/gesundheit/article146534810/Mehr-Tote-durch-verpestete-Luft-als-durch-Unfaelle.html) Aber naja...Menschen können auch CO2-freie Autos bauen. Autos können (zumindest noch nicht) CO2-freie Menschen bauen. Mehr will ich garnicht auf den Scheiß eingehen.

Man munkelt auch es gäbe noch andere Stoffe die richtig übel für "das Klima" sind und noch viele andere Faktoren existent sind, die das Klima ungünstig beeinflussen. Z.B. dass mindestens 30 Jahre 20ha/min von diesen Dingern abgeholzt werden, die CO2 in Holz & O2 verwandeln & dabei H2O in die Luft abgeben. Aka Regenwald.... Naja...

Ich kann nicht aufhören mich zu fragen wer solche Unterscheidungen - und warum - so in einen Artikel in Anschlag bringt. Der Stern ist ja nicht das einzige Mainstreammedium, dass sich nicht zu blöde ist so eine Message und die damit verbundenen Implikationen in die Lebenswelt Ihrer Leser zu tragen. (http://www.independent.co.uk/environment/children-carbon-footprint-climate-change-damage-having-kids-research-a7837961.html)

Beide hier referierten Artikel beziehen sich auf eine "wissenschaftliche Studie". Amerikanische Wissenschaftler haben rausgefunden ... Die Frage ist echt nur wo raus?
Warum merken die Autoren denn nicht wie sie sich intellektuell bloss stellen? Oder: Was merken solche Autoren denn überhaupt noch? Und wenn die Autoren schon nichts mehr merken, was ist die Message die Redaktionen damit im Rahmen ihrer journalistischen Verantwortung den Menschen mitgeben möchte? Oder merken Autoren und Redakteure was sie da tun und schreiben es trotzdem?Und was würde wiederum das bedeuten?
Warum lacht nicht 100% der Bevölkerung den Stern einfach nur noch aus oder dreht sich beschämt weg.

Ich weiß es alles nicht. Vielleicht können manche auch zwischen Arbeit und Fernsehabend sich so noch dabei helfen lassen Ihre Investition in ein Ölauto zu rationalisieren nach dem Motto. Warum kein Ölauto? Babys sind doch viel schlimmer für das Klima! Ich weiß es alles nicht und ich bin kurz davor es auch nicht wiklrich wissen zu wollen. Was ist das für eine Welt, in der solche Ansagen durch relevante Medien in die Lebenswelt der Menschen hineinmassiert werden.

Wenn auch dafür natürlich kein durchgeknallter Philosophie-Student aus der Propagandaabteilung der Ölauto-Lobby zuständig war.... Die eigentliche Frage ist: Was sagt das über Autoren, Redakteure und Leser, die sowas lesen und schreiben und sich dabei erst nehmen?

Mittwoch, 8. März 2017

Ein paar lose Gedanken zu Vertrauen und Medienepochen

Vertrauen im Vorschuß, das uns ermöglicht Erwartungen zu behandeln, bzw. zu testen und so für weitere Erwartungen Unsicherheit zu absorbieren.

So erschließt Vertrauen Möglichkeiten zu lernen. Im Vorschußvertrauen, in das Ungewisse hinein werden Risiken eingehbar. Man legt es auf Erwartungsenttäuschung an und kann aus den Erfahrungen lernen.

So kann man gesellschaftlich beobachten: Das Kultivieren von Erwartungen und deren Tests in Bezug auf einen Gewinn an Orientierungsmöglichkeiten variiert mit den bekannten Medienepochen der Gesellschaft. Dabei geht es um Vertrauensgrundlagen in gewisse kulturelle Praktiken, die mit dem dominierenden Medium in der Gesellschaft variieren (Baecker, D. (2015) Designvertrauen).

Mündlichkeit - Magie - Stämme - Stammesgesellschaft
Schrift - Götter - Schichten - Hochkultur
Buchdruck - Technik - Funktionssysteme - Moderne
Elektronische Medien - Design - Netzwerke - Nächste Gesellschaft

Je mehr die Sozialdimension von Sinn berücksichtigt wird, desto mehr fällt auf, dass präskriptiv ansetzende Erwartungen zu kurz greifen. Der Gestaltungsspielraum wird quasi negiert.

Die Magie lässt sozusagen wahrheitsindifferent einen Schamanen Knochen werfen (Divination) und macht damit zufällige Ereignisse durch die Autorität des Schamanen sozial wirksam. Test und Prüfung von Auslegugnen waren Sache des Schamanen. Widerspruch stellte sofort die Autorität des Schamanen in Frage zu stellen.

Die Hochkulturen generalisieren die Autorität des Schamanen und tauschen die Person Schamane gegen eine Idee Götter/Gott. Der Bezug auf eine Idee macht die Funktion des Schamanen sozusagen personenunabhängig. Die größere Reichweite der Schrift macht das letztlich nötig. Der Schamane kann nicht mehr überall vor Ort sein, wo die Autorität seiner Magie gebraucht wird. Das unterminiert seine Autorität, die sich letztlich aus dem von ihm angebotenen Vorteil „soziale Mobilisierbarkeit“ speist. Die Autorität der Magie verliert mit der Verbreitung von Schriften ihre Deckung in Erfüllung ihrer vornehmlichen gesellschaftlichen Funktion. Und die Verbreiter der Schriften, also die Kirchen gewinnen an sozialer Wirksamkeit. Die Verbreitung von Schriften, die sich nun auf eine Idee/Götter beziehen, ermöglicht es über die mündliche Reichweite hinaus eine Gesellschaft zu strukturieren. Und das tut die Kirche damals auch. Sie nutzt die Schrift, um zunächst mal den Bedarf für eine Organisation der Kirche zu provozieren: Sie schickt Bekehrer mit „der Schrift“ in die Welt. Und mit dem Erfolg dieser Bekehrer muss die Kirche dann mit einer von einzelnen Personen abstrahierenden Organisation reagieren. Und kann das auch, weil sie eben Schrift benutzt und nicht mehr auf die soziale/sachliche/zeitliche Enge der Mündlichkeit angewiesen ist.

Letztlich bleibt Ihre Grundlage, also „die Schrif der Schriftent“, aber unwesentlich wahrheitsindifferenter als die Knochen der Schamanen. Nichts desto trotz, bieten die differenzierteren Einschränkungen, die die Bibel vorlegt mehr spezifische und auch mehr Allgemeine Einschränkungen als die Knochen des Schamanen. Vo allem sind sie über die Personen, bzw. Zeiten rettbar. „Die Schrift“ bietet in Bezug auf zeitliche, sachliche und soziale Differenzierung sehr viel mehr Möglichkeiten und auch mehr Zuverlässigkeiten für eine Sozialität, die sich darauf einschwört. In diesem Sinne liegt der Zugewinn an Orientierungsmöglichkeiten in einer größen Gesellschaft auf der Hand. Selbst in Bezug auf Prüfung und Test der angebotenen Einschränkungen gibt es mehr Möglichkeiten. Weil nun Idee und Auslegung getrennt sind und nicht mehr in Personalunion vorliegen, kann ohne großen Legitimationsverlust für die Idee die auslegende Person leichter wechseln. Was natürlich über die Zeit zu einer anderen Dynamik von Variation und Stabilisierung bezüglich der Auslegung führt. Die Idee überlebt die Ausleger, und schon deswegen muss es zu einer Variation von Auslegungen kommen. So sicher wie das ist, so verzweifelter musste die jeweilige Inquisition im Zweifel vorgehen, um die Wirksamkeit der Kirche zu bewahren versuchen.

In dem Umfange, in dem durch die Druckerpressen die Massenproduktion von quasi beliebigen Büchern ermöglicht wird, in dem Umfange also in dem die Kirche die Kontrolle über die Schrift und deren Auslegungen verliert, in diesem Umfange verlieren die Götter Ihre beruhigende Funktion für die Gesellschaft, z.B. Normen setzen zu können.Das Vertrauen in entsprechende Vertrauensgrundlagen schwindet. So wie die Person Schamane nicht mehr vor Ort sein konnte, um Ihre Unzulänglichkeiten qua emotonal gebundener Autorität wieder einzufangen, so stößt die Idee der Götter, bzw. auch die Idee des eines Gottes dann auf ihre darstellungsgebundenen Plausibilitätsgrenzen. Grenzen, die es nicht mehr ermöglichen mit dem Sinnüberschuß, mit der Unruhe umzugehen, die letztlich die vielen und völlig verschiedenen Bücher anbieten.

So wie durch die Trennung von Idee und Ausleger, die Idee auf den Ausleger zurückgeworfen wird, so entsteht ein Druck auf den Ausleger. Die Welterklärungsfahigkeiten und damit Orientierungsmöglichkeiten der Idee von dem einen Gott ist begrenzt. Mit dem Wechsel der Ausleger und der damit verbundenen Variation der Kirche lernt der Mensch auf eine spezielle Weise mit „Der einen Idee, die alles verbindet“ umzugehen. Er lernt sich selbst zu verändern, in Abhängigkeit von einer sozialen Autorität. Er entdeckt sich als Individuum.

Die alte Lösung der Normen wird versucht und verliert auch nicht ganz ihre Bedeutung, allerdings verlieren Normen ihre orientierende Bedeutung im Hinblick auf die Unübrschaubarkeit und das Überraschungspotenzial mit dem eine Massenproduktion von quasi beliebigen Büchern konfrontiert. Auf die „Unruhe“, die so in der Umwelt des Beobachters entsteht braucht dieser flexiblere Institutionen (Erwartungserwartungserwartungen), um Vertrauens in die Bewältigung von Störungen weiter zu gewährleisten. Er muss sich selbst in gewisser Weise unruhig fassen und reagiert entsprechend auf die Unruhe, die in seiner Umwelt durch den Buchdruck auftaucht. (vgl. Baecker, D. (2007) Studien zur nächsten Gesellschaft, S. 35). Platt gesagt: Ein Bezug auf Normen der psychischen Systeme hält nicht genügend soziale Änderungs- und Anpassungskapazität vor, wie es die sozialen Systeme mit Verbreitung des Buchdrucks aber fordern. Die Gedankliche Figur des „»Cogito, ergo sum«: Was immer dir widerfährt, Angenehmes und Unangenehmes, beziehe es auf dich und sei dir darüber im Klaren, dass es dich im Moment zu dem macht, wer und was du bist, ohne dabei auszuschließen, dass dir gleich anschließend wieder etwas widerfährt, für das dasselbe gilt. “ (Baecker, D. (2007) Studien zur nächsten Gesellschaft, S. 16), diese Figur gibt, wenn man so will, genügend Spielraum, um das Gutenberguniversum sozusagen kulturell zu bearbeiten; und sich nicht von den Widersprüchlichkeiten blockieren zu lassen, sondern auf seine individuellen Plausibilitätsprüfungen zu vertrauen (Was ist Aufklärung?).

Konfrontiert mit den elektronischen Medien haben wir nun eine Kulturgeschichte des Vertrauens in unterschiedliche Kulturtechniken im Rucksack. Mit der nochmal gesteigerten Verbreitungsmöglichkeit von Inhalten und entsprechend der Zumutung ist quasi abzusehen, dass alle Kommunikation letztlich auch irgendwie computervermittelt läuft (Und sei es das die Geräte nur mithören, um auf Zuruf funktionieren zu können). Mehr oder weniger alle Kommunikation läuft auch über Computer. Wenn man - wie man das in der Soziologie allgemein machen kann - Gesellschaft quasi mit Kommunikation gleichsetzt (z.B. Luhmann), dann wird klar, dass die krux wohl nicht in der einfach noch weiter gesteigerten Verbreitungsmöglichkeit von Kopien liegt, sondern im Umgang mit den anderen, die man vorher nicht kannte und vielleicht auch nicht kennen wollte. Wie erkennt man den Klospruch? Wo erwartet man ihn? Wo findet man ihn? Was macht er in der Situation? Wie reagiert man darauf? Die besondere Herausforderung scheint mir in Zukunft auf jeden Fall einen Umgang zu finden, der die neuen „Zumutungen“ in der Sozialdimension von Sinn für die Gesellschaft nutzbar machen kann. Vielleicht werden wir in Richtung des Begriffes „Ubuntu“ fündig (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ubuntu_(Philosophie) ). - wie Peter Kruse, Dirk Baecker und viele andere das ja auf die ein oder andere Weise andeuten.

Donnerstag, 10. November 2016

Es gibt diese merkwürdigen Interaktionen im Netz

Es kommt zum Beispiel regelmäßig vor, dass Leute ihre alten Bücher verschenken. Und nicht nur das. Sie übernehmen dafür die Versandkosten, dass das Buch auch beim Beschenkten ankommt (Bsp. Büchersendung Post: €1 oder €1,65). Das tun sie unter der Prämisse, dass derjenige, der so beschenkt wird, ebenso Bücher anbietet, die er auf diese Weise an wieder andere weitergibt. Gesehen habe ich das erstmals bei @kusanowsky und @confabulatus. Eine solche "soziale Bewegung" und sei sie noch so klein ist schlichtweg genial und einfach zu Lobpreisen. Im Prinzip investieren die Beteiligten ja in eine Art diffuses Vertrauen in die Nächstenliebe, ... vielleicht besser gesagt: in des Nächsten Buch. Oder man sieht in den Versandkosten das ausgemünzte Vertrauen eines Schenkenden darin, dass er/sie auch irgendwann mal, bei irgendwem ein Buch findet, das sie/ihn interessiert und er/sie so auch mal "Nächster" werden kann. In beiden Fällen wird ein Verschieben von Büchern zeitlich, sachlich und sozial generalisiert möglich und dazu sehr leichtgängig gemacht. Und auch wenn Strukturen aus "Man-gibt-dem-Einen-und-nimmt-vom-Anderen-Pfaden" nicht auf Tausch angelegt sind, weil der Einzelne zunächst gibt, ohne einen bestimmten Gegenwert im Auge zu haben; so kann es sich u.U. für den Einzelnen über die Zeit wie ein "Tausch mit einem System" darstellen. Ich finde das theoretisch eine spannende Stelle.
Das Problem der Kommunikation zwischen einander Unbekannten wird in der Praxis durch Twitterprofile oder andere Social-Media-Profile als Kontaktadressen überbrückt. Aber was dieser Art von Interaktion zwischen einander Unbekannten vor allem noch sehr nützlich sein kann, das ist ein Index, in dem die Beteiligten ihre zu verschenkenden Bücher eintragen. Ein Index, der sozusagen die zeitliche, soziale und sachliche Generalisierung des Verschiebens von Büchern zwischen Gebenden und Nehmenden unterstützen und so ein Gefühl des "Tausches mit einem System" wahrscheilicher machen kann. Ein Index zum Stöbern, bei dem an jedem Buch-Eintrag ein Link zu der Social-Media-Seite des verschenkenden Benutzers zwecks Kontaktaufnahme anhängt. Als ich die Aktivitäten von @kusanowsky , @confabulatusund anderen sah, dachte ich zumindest, dass soetwas helfen könnte. So habe ich ein System, das ich mal in einem anderen Zusammenhang programmiert habe, etwas abgeändert und stelle es hiermit gern für solch ökonomisch subersive Umtriebe zur Verfügung. In diesem Sinne ist "öffentlicher-Bücherschrank.de", bzw. "öBsch.de" ein privates, nicht-kommerzielles Projekt zur Förderung der Kooperation zwischen einander unbekannten.
Ich hatte die Freude mit @adloquii im #KZU-Podcast darüber zu sprechen.

Dienstag, 11. Oktober 2016

Worte waren mal leer

Wir alle wissen, wie man beliebige, zur Not selbsterfundene Worte als Bezeichnungen für etwas bestimmtes erfinden kann. Ein zunächst noch inhaltsleeres, also völlig offenes Geräusch oder Zeichen kann, im gemeinsamen, wiederholt vollzogenem Bezug auf etwas, seine ersten Freiheitsgrade verlieren und Bezeichnung für Etwas im Unterschied zu allem anderen werden.

Zwei oder mehr Beobachter, die ein solches Wortspiel spielen, die können nun etwas beobachten, wenn Sie die Bezeichnung nicht nur im Kopf behalten, sondern ab sofort im Bezug auf etwas nun Bestimmtes über die Situationen hinweg verwenden. Es kann z.B. beobachtet werden, dass die Freiheitsgrade der Verwendung von Bezeichnungen über die gemeinsame Geschichte hinweg zunächst weniger werden. In den jeweiligen Verwendungen gibt es sozusagen semantische Verfransungen an den Rändern. Das "Etwas" wird im Fortgang nicht nur unterschieden, von allem anderen auf einmal, sondern von bestimmten anderen Unterscheidungen und so spezifiziert sich eine ursprüngliche Generalisierung in einer Erlebens- und Erwartensgeschichte. Allerdings bleibt die andere Richtung, die Re-Generalsierung immer wieder möglich. Und so kann man Kommunikation auch als das Bearbeiten einer Differenz von Generalisierungen und Spezifizierungen von Unterscheidungen in einer gemeinsamen Geschichte beobachten. Die kommunizierenden Beobachter können so mit ihren Generalisierungen und Spezifizierungen Erfahrungen sammeln. Sie können lernen, bzw. sich überraschen lassen. Sie können sich damit sozusagen die Beulen an ihrer Wirklichkeit zuziehen.

Worte waren mal leer, ist strenggenommen also falsch (Aber es klingt gerade als Titel einfach so gut), ausser mit dem wenig weiterführenden Zusatz: "... bevor es Worte waren, sondern noch bloß Geräusche". Direkt mit Ihrer Einführung als Bezeichnung handelt "es" sich um Worte, die Zumindest schon mal "Etwas" von "Allem anderen" unterscheiden, also strenggenommen nicht ganz leer sind (weil sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schon weitere Verwendungsmöglichkeiten einschränken).

Wir können uns also an unterschiedlichen Bezeichnungen und ihren Verwendungsweisen in Situationen orientieren und gemeinsam mit entsprechend aufgeladenen Bezeichnungen fka Begriffen Erfahrungen vergleichen. Das ist gut. Weil wir so unabhängig von irgendeinem Wahrheitsgehalt einer Aussage irgendwie beginnen können und uns daraufhin dann überraschen lassen können zu lernen. Problematisch, bzw. anspruchsvoll wird, dass wir das dann auch in zunehmendem Maße müssen. Wie wir mit Überraschungen, also Erwartungsenttäuschungen, oder noch anders gesagt: mit informativen Momenten umgehen unterscheidet sich. Einmal können wir Begriffe vor dem Hintergrund normativer Annahmen aufbauen. Dann wird sozusagen ggf. trotz ständiger Erwartungesenttäuschung in Bezug auf bestimmte Begriffe "stur weitergewunken". Wenn man so will: ein kontra-faktischer Ansatz. Oder wir können angesichts von Erwartungsentäuschungen die Verwendung unserer Begriffe ändern, wir können unsere Erwartungen vor dem Hintergrund einer "offenen Wahrheit", bzw. einer offenen Zukunft anpassen und bestenfalls präsizieren.

Das Verhältnis zwischen Begriffen, bzw. die Einschränkung ihrer Verwendung mit dem man "Alles andere" differenziert - fka eine Theorie über Etwas - ist sozusagen über unsere Kommunikation eigenen Erlebens überindividuell umweltsensibel. Und ob wir eher normativ oder kognitiv reagieren, dass weiß in der jeweiligen Situation der Geier. Das finde ich bei allem begründbaren Pessimismus, eine relativ positiv stimmende Tatsache.

Freitag, 18. März 2016

Das Gerede von Überbevölkerung ist reaktionärer Mist

Angesichts der riesigen, ja gewaltigen unbewohnten, aber theoretisch bewohnbaren Flächen auf dem Globus und der menschlichen Wirtschaftskraft im allgemeinen, bereiten mir Leute die von globaler Überbevölkerung, bzw. einer zukünftigen Überbevölkerung sprechen mehr und mehr unbehagen. Es geht im Prinzip nicht um Überbevölkerung, sondern, wenn überhaupt kann ich das nur als Ansage verstehen, dass man keine Möglichkeiten sieht vorhandene Ressourcen so zu nutzen, dass sie allen dienen können. Flächen lieber leerstehen, Wirtschaftskraft lieber weiter konsumorientiert auf individuelle Kurzzeitbefriedigung anlegen. Nicht das die des Teufels wäre, aber Ihr wisst was ich meine. Und man sieht offensichtlich keinen Anlass die Perspektive auf Politik zu verändern, die da ist: Im wesentlichen hat Politik die Interessenvertretung der Banken und Industrie sicherzustellen, weil wir letztlich doch alle abhängige dieser Versorger sind. Und machen wir uns nichts vor. Auch die Kritiker des Systems haben keinen vernünftigen Plan wie es an wichtigen Stellen weitergehen könnte, ohne die gesellschaftlichen, organisatorischen, rituellen Artefakte einer lange vergangenen Zeit, die letztlich unsere Kultur und unser Denken bis heute prägen. Aber die Kritiker wissen schon, dass es weitergeht, ja weitergehen muss. Wie auch immer, ich verfaser mich. Es geht mir darum zu sagen wie primitiv, ja gemeingefährlich primitiv das Gerede von Überbevölkerung und seinen „Das Boot ist voll“-Derivaten ist. Das Boot ist weder voll, noch die Erde davor zu viele Menschen zu beherbergen. Aus der Google Earth Perspektive wird das schnell als reaktionärer Way-of-Live-Shice deutlich. Der Mensch ist letztlich einfach zu wenig darauf vorbereitet, dass bummelig 1% erfolgreiche Psycho-, bzw. Soziopathen unter Ihnen weilen, die erfolgreich wichtige Machtpositionen infiltrieren und da ihren Bullshit verzapfen (Bullshit auch weil sie nicht nur "böse", sondern wichtiger noch Intellektuell … sagen wir mal nicht die bestmögliche Besetzung sind. Machtpositionen ziehem spezielle Profile an). Nun haben wir gottseidank noch einen entwickelten Rechtsstaat, der genau gegen diese Risiken Grundrechte, Verfahrenregeln, Schutzrechte, usw. an den Start bringt. Der Rechtsstaat verdächtigt sich im Prinzip ja institutionell quasi ständig selbst und stellt z.B. in bestimmten Dingen bestimmte Transparenzen ein. Menschen haben viel gelernt in Ihrer Geschichte. Zu unserer Entmutigung muss man aber dazu auch sagen: sie haben noch viel viel mehr vergessen. Und in Bezug auf bestimmtes, wesentliches Wissen, um des Rechtsstaats, der Demokratie, pipapo steht es momentan scheinbar eher schlecht. In dem Sinne z.B., dass es im wesentlichen oft als mehr oder weniger überflüssige, bzw. hinderliche Folklore verstanden wird. Die Funktion, in Bezug auf die gesellschaftlich-strukturelle Funktion wird einfach ausgelassen, bzw. auf gut/schlecht Positionen verkürzt. Relativ einfaches aber dennoch voraussetzungsreiches Wissen über z.B. die Funktion von Freiheit in einem demokraischen Rechtsstaats scheint sich weit, bis ins unkenntliche abgedimmt zu haben. Nicht einmal das Gefühl, was man als Mensch tut, wenn ein anderer Mensch Hilfe braucht scheint allzu zuverlässig erwartbar zu sein. Menschenleben werden geopfert, um eine Ökonomie und deren Lebenswelten am Laufen zu halten. Bingo Leute, es sieht richtig scheiße aus. Die Welt ist doch kein Waldorfkindergarten, man.

Denkt vielleicht das nächste Mal wenn Ihr jemanden von Überbevölkerung sprechen hört daran, dass das sehr relativ und perspektivisch formuliert ist. Und zwar aus einer Perspektive, die sehr wenig Fantasie hat. Eine Perspektive, die nicht sehen kann, dass es psycho-soziale Probleme sind, die uns letztlich am meisten bedrohen. Ja, z.B. die realen Hungertoten jeden Tag, die werden im Prinzip ermordet. Von der Art und Weise, wie wir als MEnschen so drauf sind. Wer von Überbevölkerung spricht, das muss man so sagen, der impliziert im Prinzip auf die eine oder andere Weise: "Es gibt überschüssige Menschen, weil unser System eben so ist wie es ist. Nicht das System ist falsch, die Menschen sind über" Bin ich der einzige, dem das nicht nur komisch, sondern oberfaschistoid vorkommt? Ist es nicht zu tiefst deprimierend zu sehen wie dieser BEgriff aufgenommen wird, wenn man doch sehen kann, dass es nicht die Wirtschaftskraft ist an der es fehlt und es fehlt auch nicht an Landmassen, bzw. das kein Raum mehr da wäre, der nicht besiedelt werden könnte. Ja, nicht einmal geht es um zu wenig Süßwasser. Beim Süßwasser wird der ein oder andere jetzt vielleicht gezuckt haben, weil er insgeheim doch sich hat überzeugen lassen, das davon nun wirklich zu wenig für alle da ist. Aber auch das. Mit gegebener Technik, gegebener Wirtschaftskraft und gegebener Eingeübtheit der Menschen in organisationale Prozesse auch das ist insofern heute kein Problem. Wir können halt nicht so weiter machen wie bisher …. und sollten vielleicht hier und da mal die Augen aufmachen. Letztlich scheinen wir den harten Aufschlag des schon lange auf uns zukommenden gesellschaftlichen Problems wirklich zu brauchen, um als Gesellschaft eine gewisse Fantasie und Veränderungsbereitschaft zu entwickeln die vorhandenen Mittel einfach mal anders einzusetzen und dabei als GEsellschaft ein anderes Bewusstsein zu entwickeln. Also freut Euch drauf. Mit den Möglichkeiten heute kann es sehr sehr viel besser für alle werden. Letztlich weiß ich vieles natürlich nicht. Aber was ich weiss ist: Bestimmte Probleme - und dazu gehören die wichtigsten - gibt es nur in unseren Köpfen.

- update: 20.03.2016

Gerade habe ich eine Reaktion auf meinen Text auf Twitter gelesen:
"genau, lasst uns zugunsten der Menschen auch noch die letzten Biotope vernichten :(" https://twitter.com/katrinhilger/status/711437102735618048
.... ich will das einfach mal so stehen und wirken lassen. Nicht das mir nicht klar ist, dass es keine Lösung für das oben angedeutete Problem gibt. Aber, dass das Problem sozusagen ein kulturelles Problem ist und kein naturgesetzliches, das kann man wohl nicht leugnen. Natürlich ploppen bei der Problemstellung abertausende Gründe auf, warum es naiv ist zu sagen: Es gibt genügend Platz und Wirtschaftskraft, bzw. Technologie auf dem Planeten, dass kein Mensch leiden müsste. Aber alle Gründe betreffen uns als Spezies und werfen ein Schlaglicht darauf wie wir miteinander umgehen und was wir voneinander halten, pathetisch formuliert: welche Werte wir preferieren. Der Kommentar eben sagt z.B.: "Ok, es kann nicht sein, dass wir den Naturschutz riskieren für ...". Und so sind natürlich unzählige Kommentare möglich. "Es kann nicht sein, dass wir die Organisation unserer Wirtschaft oder Politik ändern, für ...", "Es geht einfach nicht, weil der Mensch an sich einfach zu schlecht ist", "Es geht nicht, weil der Planet oder die Atmosphäre ist zu klein...." Unendliche Formulierungen sind möglich, aber alle sagen nichts über den Planeten oder über die tatsächliche und defakto vorliegende Leistungsfähigkeit der Menschen, sondern unterstellen, dass die erbrachten gesellschaftlichen Leistungen (Brötchen, Rechner, Sozialversicherungen, Materialwissenschaften, Ingeneurtum, Kreativität, Lebensqualität...) letztlich nur möglich sind, in einem System das wirtschaftlich und politisch eben so ist wie es ist. Und das halte ich eben für reaktionär. Auch wenn es richtig wäre, dass es eben nur so geht, wie es eben heute geht; auch dann würde es nur eine Aussage über den Homo Sapiens sein, nicht über seinen Planeten. Als letztes Gedankenexperiment kann man sich noch einen Ausserirdische vorstellen, der bei uns vorbeifliegt und mal kurz checkt was hier Phase ist. Was würden der sehen? Der würde mehr oder weniger bröcklige Inseln von Wohlstand sehen, deren Luxus sich auf der krassen Ignoranz gegenüber anderen Menschen/Tieren in anderen Teilen des Planten baut. Auf der einen Seite eine durch Krieg und Moral gestützte und rücksichtslose Überschuss und Konsum-, bzw. Wegwerfgesellschaft und auf der anderen eben dadurch destabilisierte, wirtschaftlich und politisch geknebelte Gesellschaften und verhungernde und oder im elebend lebende Menschen.
Was wird der denken? Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er Mitleid empfinden wird. Mitleid mit einem Primaten, dessen individuelle kognitive und reflektive Leistungen, seinem sozialen Vermögen und vor allem seiner Selbsteinschätzung dramatisch und auf vollends abwegigem Terrain hinterherhinken. So dramatisch, das er sich und andere auf dem Planeten als künftige Spezies nachhaltig schädigt.